Zusammenfassung

Die Teilhabe junger Bürger/innen am offiziellen politischen Geschehen nimmt ab. Dies kann man am Beispiel der seit Jahren sinkenden Wahlbeteiligung sowie an den Nachwuchsproblemen der etablierten Parteien beobachten. Dadurch verliert die demokratische Basis unseres Staates mittel- bis langfristig an Stabilität.

Auf der Suche nach Erklärungen und Lösungen erscheint ein Blick auf die politische Kommunikation und insbesondere die Sprache der politischen Akteurinnen und Akteure sinnvoll – und zwar aus der Perspektive der Jugendlichen selbst. Die wesentlichen Ergebnisse zur Forschungsfrage „Wie muss die Sprache von Politiker/innen und politischen Institutionen sein, die jungen Bürger/innen ein Verstehen des Inhalts ermöglicht und den Austausch über politische Themen zwischen allen Beteiligten fördert?“ zeigen den deutlich erkennbaren Einfluss von Sprache auf die Wahrnehmung des politischen Systems durch die befragten 16- bis 19-Jährigen.

Einstellung und Einschätzungen der jungen Wähler/innen

Es gibt bei den Jugendlichen eine Grundbereitschaft zum Mitdenken und Mitmachen. Doch die Befragten erachten die gegenwärtige politische Kommunikation zumeist als kontraproduktiv. Sie empfinden sie als eine oft unverständliche, mit Fremd- oder Kunstworten sowie Beschönigungen durchsetzte Sprache, die den Austausch über Politik erschwert. Dieser Eindruck ist bei jungen Frauen noch deutlich stärker verbreitet als bei jungen Männern.

  • Der Aussage „Ich finde es wichtig, dass sich die Menschen mit Politik auseinandersetzen“ stimmten 81,2 % aller Befragten zu. Diese Zustimmung teilt sich in 76,8 % der Frauen und 84,3 % der Männer auf.
  • Die Aussage „Es kostet Zeit und Mühe, um sich in den politischen Themen zurechtzufinden“ bejahten 66,2 % aller Befragten.
  • Für nur 35 % der Frauen gilt die Aussage „Ich unterhalte mich oft mit Freunden oder meiner Familie über Politik“ 55,9 % der Männer stimmten dieser Feststellung ebenfalls zu.
  • 44,2 % der Befragten, die einen niedrigen Schulabschluss anstreben, stimmten der Aussage zu, sich nicht politisch zu engagieren, weil sie sowieso nichts verändern können. Dies gilt auch für 43,2 % der Befragten, die mittlere Schulabschlüsse anstreben, jedoch nur für 24,1 % der Befragten, die höhere Schulabschlüsse anstreben.

Es ist ein grundsätzliches Dilemma, in dem sich die Jugendlichen befinden: Das Gefühl, in der Demokratie gebraucht zu werden, aber nicht die Möglichkeiten zu haben, dieser Aufgabe gerecht zu werden.

Handlungsempfehlungen der befragten 16- bis 19-Jährigen

Die Studie enthält drei wesentliche Empfehlungen. Die erste Botschaft geht an die Politiker/innen. Sinnbildlich steht hier ein Zitat für viele: „Das heißt nicht Nullwachstum, das heißt Stagnation. Also wirklich klipp und klar sagen, so und so sieht es aus.“ (Berufsschule).

  • Die Aussage: „Politiker/innen sprechen absichtlich eine abgehobene Sprache“ bestätigten 59,1 % aller Befragten.
  • 78,5 % der Frauen, die finden, dass Politiker/innen absichtlich eine abgehobene Sprache sprechen, stimmen der Aussage „Es kostet Zeit und Mühe, um sich in den politischen Themen zurechtzufinden“ zu. Dies gilt auch für 67 % der Männer.

Die Botschaft an die Politiker/innen lautet, sinngemäß: Redet so, dass wir euch verstehen. Legt das Manuskript beiseite, und sprecht in eurer Alltagssprache, direkt, offen und unkompliziert. Ein Appell an alte rhetorische Tugenden zur Rettung der Debattenkultur – und ein Appell an die Politiker/innen, die freie Rede zu wagen und sich nicht hinter dem anonymen „WIR“ eines Parteiapparates und sorgfältig vorformulierten Zeilen zu verstecken.

Die zweite Botschaft geht an die Medien. Wiederum hier ein stellvertretendes Zitat: „Die Medien, an die man rankommt, die sagen auch nicht wirklich das, was man wissen will. Sie stellen nicht diese Fragen, die man sich selber stellt.“ (Gymnasium)

  • „Artikel in Zeitungen und Online-Medien sind häufig zu kompliziert“: Befragte, die niedrige Schulabschlüsse anstreben, stimmen der Aussage zu 42,4 % zu. Jene, die mittlere Schulabschlüsse anstreben, befürworten die Aussage zu 47,2 %. Und Befragte, die höhere Schulabschlüsse anstreben, teilen immer noch zu 28,1 % diese Ansicht.

Die übergreifende Botschaft an die Medien lautet, sinngemäß: Übernehmt nicht die Floskeln der Politiker/innen, sondern helft uns, zu verstehen, was dahinter steckt. In der Medienkritik der Schüler/innen ist auch ein Appell an eine andere Debattenkultur enthalten: Abgelehnt werden ritualisierte Showkämpfe in den Talkshows und (inszenierter) Streit. Aggressivität ist genau das Gegenteil von dem, was die jungen Menschen wollen. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach sachlicher Auseinandersetzung und finden, dass inszenierte Streitlust Debatten fruchtlos werden lässt.

Die dritte Botschaft der Schüler/innen geht an die Bildungspolitik. Hier wurde beispielsweise gesagt: „Man könnte Grundschüler schon einmal im Monat oder einmal die Woche jemanden wählen lassen in der Klasse, der für irgendwas verantwortlich ist. Können Kleinigkeiten sein, ein Frühstück organisieren oder so. Aber dass man einfach diesen Prozess von Verantwortung übernehmen, wählen, drüber nachdenken, wer kann das usw. lernt.“ (Gymnasium)

  • Die Schule ist der wichtigste Ort für die Begegnung mit politischen Themen: 74,2 % der Befragten nennen ihn an erster Stelle.
  • 55,1 % aller Befragten wünschen einen früheren Beginn des Politikunterrichts in der Schule.
  • Der Aussage, ob der Politikunterricht “sich mehr mit aktuellen Themen beschäftigen” solle, stimmten 78,8 % aller Schüler/innen zu.

Die Botschaft an die Bildungspolitik lautet: Wir wollen mehr Politikunterricht, wir wollen ihn früher, neutraler und praxisnaher. Der Appell lautet: Gebt der heranwachsenden politischen Generation die Möglichkeit, mündige Staatsbürger/innen zu werden. Hier wird das Bild von der Schule als „Schule der Demokratie“ aufgerufen.

Setting, Vorgehen und Umfang

Das Forschungsteam bestand im Wesentlichen aus jungen Studierenden; initiiert und geleitet wurde die Studie von Prof. Dr. Bettina Fackelmann, design akademie berlin. Eingesetzt wurde die sozialwissenschaftliche Methode der Grounded Theory. Sie nutzt eine bewusst offene, lösungsorientierte Fragestellung und den steten Vergleich der Zwischenergebnisse, um die Wahrnehmung der Befragten in ein theoretisches Modell zu überführen.

Das Modell entstand auf Basis von 27 Gruppeninterviews an unterschiedlichen Berliner Schulen und wurde im Anschluss durch einen bundesweiten Online-Fragebogen in wesentlichen Punkten quantifiziert. Dieser wurde von 30.122 jungen Bürger/innen vollständig beantwortet. Somit ist die vorliegende Studie zum einen umfassend qualitativ basiert und zum anderen quantitativ die größte, die aktuell zum Thema Jugend und Politik in Deutschland vorliegt.

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