Vorwort

Die Klagen sind bekannt: „Die Jugend in Deutschland wird immer unpolitischer“, „sie interessiert sich nicht für Politik“, „sie engagiert sich nicht für politische Ziele“. Insbesondere im Vorfeld oder im Nachgang zu Wahlen wird stets die abnehmende Wahlbeteiligung der jungen Generation beklagt. Die Demoskopen schlagen Alarm, Sozialwissenschaftler analysieren, Politiker sind betroffen: Die Demokratie scheint existentiell gefährdet. Doch warum wächst die Distanz der Jugendlichen zur Politik?

Die Autor/innen der Studie „Sprichst Du Politik?“ haben Jugendliche direkt gefragt. Sie wollten wissen: Was geht in den Köpfen junger Menschen vor sich, wenn sie mit dem „politischen System“, mit Politiker/innen und ihrer Sprache konfrontiert werden? Was denken sie über Politiker/ innen, ihre Absichten, ihre Spielräume? Wie und wo informieren sie sich über politische Zusammenhänge? Vertrauen sie den Medien? Verstehen sie, was Politiker/innen sagen? Wo kommt Politik in ihrem Alltag vor und wie werden diese Momente des Politischen wahrgenommen? Wie sehen sie sich selbst in der Politik, ihre Aufgaben, Möglichkeiten und Begrenzungen?

Im Herbst 2010 schlug uns eine Gruppe junger Studierender unter der Leitung von Prof. Dr. Bettina Fackelmann vor, sich genau mit diesen Fragen zu befassen. Ihr Plan war es, vor Ort in den Schulen die politische Gedankenwelt von jungen Menschen zu erforschen. Überzeugend war nicht nur das Forschungsdesign und die hohe Motivation des jungen Teams, sondern auch der geringe Altersabstand zwischen den Forscher/innen (Studierenden) und den Erforschten (Schüler/innen): Mit wem sonst würden die Schüler/innen so offen über ihre Gedanken und Überzeugungen sprechen, wie mit Gesprächspartner/innen, die nur wenig älter als sie selber sind?

Das „Sprichst du Politik?“-Team hat zahlreiche, intensive Interviews mit Jugendlichen geführt und die Ergebnisse dieser qualitativen Befragung durch eine breit angelegte Onlinebefragung ergänzt. Dabei herausgekommen ist ein aufschlussreiches Stimmungsbild, ein spannender Einblick in das politische Seelenleben der heranwachsenden Generation, der Erstwähler/innen und Wähler/innen von morgen. Die Studie enthält zahlreiche Hinweise darauf, woraus sich die oft zitierte und als Begriff viel zu kurz greifende „Politikverdrossenheit“ speist.

Die große Stärke der Studie ist die Nähe zu ihrem Gegenstand. Die Studierenden lassen die Schüler/innen selber zu Wort kommen, lassen Zitate für sich selbst sprechen. Wir betrachten ihre Arbeit als wertvollen Beitrag zur Diskussion über die Zukunft der Demokratie. Uns geht es darum, eine Debatte darüber anzustoßen, was Schulen, Medien und Politik tun können, damit sich mehr Jugendliche zu politisch interessierten Menschen entwickeln und ihre Rolle als mündige Staatsbürger/innen einnehmen können. Die Studie wirft ein Schlaglicht darauf, welche wichtige Rolle Schulen und Medien inzwischen für das politische Erwachsenwerden spielen – gerade in einer Zeit, in der die meisten jungen Menschen nicht mehr in politische Milieus hineingeboren werden und sich zuhause oft kein Raum für politische Debatten findet.

Bettina Luise Rürup / Christina Schildmann
Forum Politik und Gesellschaft