Sprache der Politiker/innen

In den Abschnitten „Die wichtigsten Zahlen im Überblick„, „Sprache der Politiker/innen und Medien sowie Grad der empfundenen Information“ wurde die Zustimmung zu den Aussagen der Gruppeninterviews bereits deutlich: Die Sprache der Volksvertreter/innen wird mitnichten als volksnah, sondern als abgehoben wahrgenommen: 59,1 % nehmen an, dass Politiker/innen absichtlich eine abgehobene Sprache sprechen (Frauen: 61,0 %; Männer: 57,8 %).

78,5 % der Frauen, die finden, dass Politiker/ innen absichtlich eine abgehobene Sprache sprechen, stimmten der Aussage „Es kostet Zeit und Mühe, um sich in den politischen Themen zurechtzufinden“ zu. Dies gilt auch für 67 % der Männer.

Nun könnte man einwenden, dass diese Aussage nur logisch ist – aber auch jene, die die Abgehobenheit der Sprache nicht kritisieren, haben Mühe, sich politischen Themen zu widmen:

63,5 % der Frauen, die nicht finden, dass Politiker/innen absichtlich eine abgehobene Sprache sprechen, stimmten der Aussage „Es kostet Zeit und Mühe, um sich in den politischen Themen zurechtzufinden“ zu. 49,6 % der Männer sahen dies ebenso. Auch die folgenden Erkenntnisse bestätigen im Grundsatz die Annahme, ein bewussterer Umgang politischer Akteurinnen und Akteure mit Sprache könne maßgeblich dazu beitragen, das Interesse von Jugendlichen an Politik zu befördern.

Abbildung 22: Zusammenhang zwischen der Vermutung einer absichtlichen Benutzung abgehobener Sprache von Politiker/innen und der Zustimmung zu der Aussage „Es kostet Zeit und Mühe, um sich in den politischen Themen zurechtzufinden“, Männer und Frauen im Alter von 16 - 19 Jahren

Umgang zwischen Medien und Politiker/innen

Die überwiegende Einschätzung aus den Gruppeninterviews, dass Politiker/innen bewusst mit den Gesetzen der Medien kalkulieren, verdeutlicht die folgende Zahl: 70,7 % aller Befragten stimmten der Aussage „Politiker/innen sagen manche Dinge nur, um in die Medien zu kommen“ zu – unabhängig von Geschlecht und Bildung.

Zählt man die, die neutral bzw. „weiß nicht“ antworteten, hinzu, ergeben sich sogar 86,8 %. Frauen und Männer stimmten auch in hohem Maße der Aussagenkombination zu: „Politiker/innen sagen manche Dinge nur, um in die Medien zu kommen“ und „Politiker/innen nutzen andere Themen absichtlich, um von den eigentlichen Problemen abzulenken“ (Frauen: 54,2 %, Männer: 60,0 %).

Abbildung 23: Einfluss der Parteien auf Medien, Einschätzung des Umgangs zwischen Medien und Politiker/innen, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Vertrauen in Politiker/innen

Grundsätzlich stimmten 63,6 % aller Befragten der Aussage nicht zu, darauf zu vertrauen, dass Politiker/innen die richtigen Entscheidungen treffen. Dies gilt für 66,8 % der Frauen und 61,3 % der Männer.

Hingegen bestätigte sich nicht in hohem Maße, was in den Gruppeninterviews anklang und widersprüchlich erschien: Kritik an Sprache und Inhalt bei gleichzeitigem Vertrauen in die politischen Akteure, gewissermaßen eine Schicksalsergebenheit. In den Gruppeninterviews wurde dies sowohl in Aussagen zur eigenen Person als auch in den Bewertungen anderer Personen deutlich. (10)

Nur 10,4 % aller befragten Frauen stimmten der Aussage „Politiker/innen reden viel um den heißen Brei herum und kommen nicht auf den Punkt“ zu, haben aber dennoch Vertrauen, „dass Politiker/innen die richtigen Entscheidungen treffen“. Dies gilt auch für 12,2 % aller befragten Männer. Auch bei der Kombination der Aussage „Politiker/ innen nutzen andere Themen absichtlich, um von den eigentlichen Problemen abzulenken“ und dem Vertrauen in die richtigen Entscheidungen ergaben sich keine hohen Werte (Frauen: 7,8 %; Männer: 11,8 %).

Politische Sprache und eigenes politisches Engagement

Die als abgehoben empfundene Sprache von Politiker/innen ist laut unseren Ergebnissen nicht die einzige Ursache dafür, dass die Jugendlichen sich nicht selbst politisch engagieren. Als Rechtfertigung dafür dient sie jedoch in hohem Maße:

72,5 % der Frauen, die sich nicht politisch engagieren, weil sie finden, dass sie sowieso nichts verändern könnten, sagen auch, dass Politiker/innen absichtlich eine abgehobene Sprache sprechen. Dies gilt auch für 73 % der Männer.

Und selbst der kleine Kreis derer, die sich politisch engagieren oder einen Sinn darin sähen, empfinden dennoch in hohem Maße die sprachliche Abgehobenheit: 50,9 % der Frauen, die der Aussage „Ich engagiere mich nicht politisch, weil ich sowieso nichts verändern kann“ nicht zustimmten, finden, dass Politiker/innen eine absichtlich abgehobene Sprache sprechen. Diese Ansichten teilen auch 49,8 % der Männer.

Das Vertrauen in Politiker/innen ist gering – dies ist aus anderen Studien (11) bereits bekannt. Hier zeigt sich, dass sich dieses Misstrauen aus mehreren, im Rahmen dieser Studie beleuchtbaren, also sprachlich bedingten Facetten speist:

Zum einen erscheinen Politiker/innen durch ihre Sprache als bewusst abgrenzend. Ihr Umgang mit den Medien lässt aus Sicht der Jugendlichen eine vertrauensbefördernde Aufrichtigkeit vermissen, wobei der Komplex Medien und Politik offenbar als unauflösbar verflochten angesehen wird.

Diese als abgehoben empfundene Sprache trägt entscheidend dazu bei, die Komplexität der politischen Welt zu befördern – oder zumindest als Entschuldigung dafür gelten zu können. Der gleiche Mechanismus greift in ähnlich hohem Maße für die Rechtfertigung des eigenen Nichtengagements.

Die in den Gruppeninterviews aufgezeigte Schicksalsergebenheit bestätigte sich nicht in ausreichend hohen Zahlen. Diese Schicksalsergebenheit beinhaltet aber auch den Aspekt des Vertrauens in die Entscheidungskompetenz von Politiker/innen. Diese wurde von beiden Geschlechtern als gering eingestuft – offenbar gelingt es nicht, die vorhandene Entscheidungskompetenz sprachlich zu vermitteln.

  1. (10) Siehe Abschnitt „Welche Auswirkungen der politischen Sprache werden von den Jugendlichen benannt?, Fatalismus, Resignation und Zynismus aus der Perspektive des „kleinen Mannes‘„.
  2. (11) http://de.statista.com/…/vertrauen-in-institutionen-in-deutschland, 13.6.2011, http://de.statista.com/…/umfrage/vertrauen-in-berufststaende, 13. 6. 2011