Politische Sprache im eigenen Alltag

In diesem Abschnitt werden Zusammenhänge behandelt, die sich auf die eigene politische Sprache in Bezug auf Familie und Freunde – also den persönlichen Alltag – beziehen. Im Sinne der Forschungsfrage, die darauf abzielt, wie der Austausch zu politischen Themen befördert werden kann, ist dies ein sehr zentraler Aspekt der Studie.

Diskussion und Interesse

Zur eigenen politischen Sprache der Jugendlichen fiel in den Gruppeninterviews auf, dass der Austausch über politische Themen im privaten Umgang nur selten geschätzt und gepflegt wird. Oftmals wurden aus politischen Diskussionen resultierende, quasi unvermeidbare Konflikte als Grund benannt, warum Themen rund um die Politik vermieden werden.

73,3 % aller Frauen kommen im Freundeskreis kaum (also maximal dreimal pro Monat) mit politischen Themen in Berührung. Dies gilt auch für 53,5% aller Männer.

Abbildung 28: Geringer Kontakt (bis zu 3 mal im Monat) mit politischen Themen im Freundeskreis, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Das bedeutet: Im privaten Alltag von fast drei Vierteln aller Frauen sowie bei über der Hälfte der Männer findet ein freiwilliger Austausch über politische Themen nicht statt. Dabei wird davon ausgegangen, dass im Kreis der Familie Politik nicht freiwillig Thema sein muss, weil sich z. B. Eltern oder Geschwister darüber unterhalten. Von solchen, wenig geschätzten Diskussionen wurde in den Gruppeninterviews berichtet.(13)

Dies hat Auswirkungen: 44,0 % der Frauen, die der Aussage „Ich unterhalte mich oft mit Freunden oder meiner Familie über Politik“ nicht zustimmten, haben ein geringes politisches Interesse. Dies gilt auch für 33,4 % der Männer. Hier zeigt sich ein Unterschied von 10,6 Prozentpunkten zwischen den Geschlechtern. Hingegen sagten 30,9 % aller Frauen, die ein hohes politisches Interesse haben, auch, dass sie sich oft mit Freunden oder in ihrer Familie über Politik unterhielten. Dies gilt bei den Männern für 52,6 %, einen Unterschied von 21,7 Prozentpunkten ergibt (siehe Abbildung 29).

Die Diskussion politischer Inhalte im eigenen Alltag befördert das Interesse an Politik. Dies gilt auch in umgekehrter Richtung: Wenn Austausch über politische Themen nicht stattfindet, wie es gegenwärtig überwiegend der Fall ist, erlahmt auch das politische Interesse. Hier zeigt sich in der Furcht vor Konflikten als Folge von Diskussionen ein Erklärungsansatz für das bereits benannte Vorurteil, dass die Jugend sich eben nicht für Politik interessiere.

Bei beiden Ergebnisrichtungen zeigt sich erneut, dass Männer am politischen Geschehen im eigenen Alltag stärker teilhaben, und zwar besonders bei einem vorhandenen Interesse für politische Themen.

Abbildung 29: Zusammenhang von politischen Interessen und politischem Austausch, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Diskussion und Verantwortung

Aus Interesse kann Verantwortung erwachsen. Und auch zu diesem Punkt, der bereits in den Gruppeninterviews benannt wurde, ergaben sich aufschlussreiche Zusammenhänge.

Generell fühlen sich 49,1 % aller befragten Frauen für die Entwicklung der Politik mitverantwortlich. Dies gilt auch für 53,8 % aller Männer, sodass sich übergreifend 51,8 % der Befragten zu ihrer politischen Mitverantwortung bekennen.(14)

Von den Befragten fühlen sich besonders diejenigen für die Politik mitverantwortlich, die sich über politische Themen austauschen: 68,8 % der Frauen, die sich oft mit Freunden oder in der Familie über Politik unterhalten, stimmten der Aussage „Ich bin für die Entwicklung der Politik mitverantwortlich“ zu. Dies gaben auch 65,3 % der Männer an.

Hierzu gibt es eine ebenfalls starke „Gegenbewegung“: 51,8 % der Frauen, die sich nicht oft mit Freunden oder in der Familie über Politik unterhalten, stimmten auch der Aussage „Ich engagiere mich nicht politisch, weil ich sowieso nichts verändern kann“ zu. Dies gilt auch für 46,7 % der Männer.

Abbildung 30: Diskussion im eigenen Alltag und politisches Engagement, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Im Gegenzug befürworten nur 32 % der Frauen, die sich nicht oft mit Freunden oder in der Familie über Politik unterhalten, die Aussage „Ich bin für die Entwicklung der Politik mitverantwortlich“. Dies gilt auch für 33,7 % der Männer.

Die Diskussion politischer Inhalte im eigenen Alltag befördert also nicht nur das Interesse, sondern ebenfalls die empfundene eigene Verantwortung bzw. die Bereitschaft zum Engagement. Dies gilt für beide Geschlechter in vergleichbarem Maße.

Der Austausch über politische Themen im privaten Umfeld und die Befähigung zum Dialog zwischen Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Meinungen können daher als Schlüsselelemente für politisches Interesse, den in dieser Studie im Fokus stehenden Austausch und darüber hinausgehendes Engagement gesehen werden. Es erhebt sich die Frage, wie politische Inhalte stärker in den eigenen Alltag geholt werden können. Die folgenden Abschnitte geben – ebenfalls aus den Daten abgeleitete – Anregungen.

  1. (13) Siehe Abschnitt „Politische Sprache im eigenen Alltag: Schule und soziales Umfeld; Politische Auseinandersetzungen fordern Konfliktfähigkeit in hohem, oftmals nicht bewältigbarem Maße„.
  2. (14) Siehe auch Abschnitt „Die wichtigsten Zahlen im Überblick„.