Politische Begriffe verstehen und nutzen können/Schule

Im Abschnitt „Bedingungen“ wurde in Zusammenhang mit Abbildung 19 bereits festgestellt: Als ausreichend empfundene Information bei beiden Geschlechtern steigert deutlich das politische Interesse. Einen wichtigen Beitrag dafür kann – neben den Medien – die Schule lei-sten, zumal diese ohnehin als der Ort genannt wurde, wo die Jugendlichen mit politischen Themen am häufigsten in Berührung kommen.(15) Daher können die folgenden Anregungen für die Schule auch als Inspiration für die Medien gelesen werden.

Im vorhergehenden Abschnitt wurde der starke Zusammenhang zwischen Diskussionen im eigenen Alltag sowie Interesse, Verantwortung und Engagement dargestellt. Die Grundlagen, um diese Diskussionen führen zu können, können in der Schule gefördert werden, hieß es in den Gruppendiskussionen.(16)

Zum einen kann dies durch Informationen zur Politik, also klassische Wissensvermittlung, geschehen, zum anderen durch die Vermittlung der Fähigkeit, politische Diskussionen mit einer klaren Haltung, aber ohne Streit zu führen. Auch diese Fähigkeit könnte in den Schulen früher und stärker vermittelt werden, so die Forderung.

Information und Häufigkeit der Diskussion

Eine häufige Aussage aus den Gruppeninterviews bestätigte sich: 56 % der Frauen, die sich ausreichend über aktuelle politische Themen informiert fühlen, unterhalten sich oft mit Freunden oder in der Familie über Politik. Dies gilt auch für 67 % der Männer.

Information und Häufigkeit der Diskussion

Hingegen gilt nur für 13,9 % der Frauen, die sich nicht ausreichend über aktuelle politische Themen informiert fühlen, dass sie sich dennoch oft mit Freunden oder in der Familie über Politik unterhalten. Dies ist ebenso bei 27,1 % der Männer der Fall.

Abbildung 31: Informationsverhalten und Häufigkeit der Diskussion, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Für beide Geschlechter gilt also ein starker Zusammenhang zwischen dem Wissen über politische Themen und einem im eigenen Alltag praktizierten Austausch über diese Themen. Dies spiegelt sich auch in den Aussagen wider, dass man sich trotz formaler Wahlberechtigung nicht ausreichend befähigt fühlte, tatsächlich eine Wahl zwischen den Parteien zu treffen. Grundsätzlich fühlen sich 23,3 Prozentpunkte mehr Männer als Frauen über aktuelle politische Themen informiert.

Information und Freude an der Diskussion

Die Häufigkeit der Diskussion ist ein wesentlicher Aspekt politischer Teilhabe. Ein anderer, ebenfalls bedeutsamer Aspekt, ist die Freude daran. In den Gruppeninterviews gab es nur wenige Aussagen, die den Genuss an politischen Debatten darstellten. Der Großteil der Teilnehmer fand Diskussionen über politische Themen anstrengend und vermied sie. Wenn man wiederum wie im letzten Abschnitt vom Interesse ausgeht, zeigt sich folgender Zusammenhang:

Information und Häufigkeit der Diskussion

38,8 % der Frauen haben hohes politisches Interesse und stimmten der Aussage „Ich vertrete meinen politischen Standpunkt und habe Freude an der Diskussion“ zu. Mit 39,3 % in etwa gleich groß ist die Gruppe der Frauen, für die beides nicht zutrifft.

Ganz anders ist das Bild bei den Männern: 65,3 % haben ein hohes politisches Interesse und stimmten der Aussage „Ich vertrete meinen politischen Standpunkt und habe Freude an der Diskussion“ zu. Nur für 17 % der Männer gilt beides nicht.

Abbildung 32: Interesse und Freude an der Diskussion, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

31,2 % der Frauen fühlen sich ausreichend über aktuelle politische Themen informiert und vertreten ihren politischen Standpunkt bzw. haben Freude an der Diskussion. Dies gilt auch für 57 % der Männer, also annähernd doppelt so viele.

Abbildung 33: Lehrer/innen als Wegbereiter/innen einer eigenständigen politischen Haltung und Freude an der Diskussion, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Lehrer/innen als Wegbereiter/innen einer eigenständigen politischen Haltung und einer Freude an der Diskussion

In den Gruppeninterviews wurde die wichtige Funktion von Lehrer/innen für die Entwicklung einer eigenständigen politischen Meinung deutlich. Dies gilt einerseits für den eigentlichen Politikunterricht, also die Vermittlung politischen Wissens. Andererseits wurde diese ausschlaggebende Funktion aber auch für das Üben von demokratischen Umgangsformen sowohl im Unterricht als auch in den Entscheidungen der Schulverwaltung bestätigt.

Geschlechterübergreifend halten sich Zustimmung und Ablehnung bei der Einschätzung die Waage: 38,4 % der Befragten stimmten der Aussage „Mein/e Lehrer/in unterstützt(en) mich dabei, eine eigenständige politische Meinung zu entwickeln“ zu. 37,3 % der Befragten stimmten der Aussage nicht zu.

38,8 % der Männer sagten, dass ihr/e Lehrer/in sie dabei unterstützt(en), eine eigenständige politische Meinung zu entwickeln. Dies gilt auch für 37,8 % der Frauen.

Die wichtige Funktion der Lehrer/innen für die eigene Diskussionsfreudigkeit wurde von beiden Geschlechtern bestätigt: Bei Männern beförderte die Unterstützung durch die Lehrer/innen ihre Freude an der politischen Diskussion (Frauen: 31,9 %, Männer: 46,5 %). Es gilt aber auch: 25,5 % der Männer haben trotz geringer empfundener Unterstützung in der Schule dennoch Freude an politischer Diskussion. Bei Frauen gilt dies nur für 14,5 %.

Doppelt so hoch wie bei den Männern ist der Anteil der Frauen, die sich in der Schule nicht ausreichend unterstützt sehen, eine politische Meinung zu bilden, und entsprechend keine Freude an der Diskussion politischer Inhalte haben (Frauen: 23,7 %, Männer: 11,2 %).

Die Schule ist – wenn man alle Faktoren zusammenzieht – ein wesentlicher Faktor in der Vermittlung von politischer Information – ein Ort, an dem Interesse, Verantwortung und sogar Engagement entstehen kann.

Sie ist offenbar auch ein Ort, an dem geschlechterspezifische Unterschiede in Bezug auf Politik verfestigt werden – auch wenn es hierfür noch andere Faktoren geben muss als alleinig die Schule.(17)

Bildungsgrad, Wunsch nach früherem Beginn des Politikunterrichts und nach aktuelleren Themen

In den Gruppeninterviews wurde – über alle Schulformen hinweg – der Wunsch nach früherem Politikunterricht in der Schule deutlich. Dies bestätigte sich durch die Ergebnisse der Onlineumfrage, wenn auch die Haltung geteilt zu sein scheint:

51,4 % der Frauen und 57,7 % der Männer wünschen einen früheren Beginn des Politikunterrichts in der Schule. Insgesamt verteilt sich die Zustimmung folgendermaßen: 55,1 % stimmen zu, 18,7 % sehen das neutral und 26,2 % stimmen nicht zu.

Abbildung 34: Wunsch nach früherem Beginn des Politikunterrichts, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Die Befragten, die niedrige Schulabschlüsse anstreben, stimmten der Aussage „Der Politikunterricht in der Schule sollte früher beginnen“ mit 34,1 % (Frauen) bzw. 48,5 % (Männer) zu. Bei den Befragten, die mittlere Schulabschlüsse zum Ziel haben, stimmten der Aussage 45 % (Frauen) bzw. 51 % (Männer) zu. Und bei den Befragten, die höhere Schulabschlüsse anstreben, stimmten der Aussage 54,2 % (Frauen) bzw. 61 % (Männer) zu.

Abbildung 35: Wunsch nach früherem Beginn des Politikunterrichts nach angestrebten Bildungsgraden, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Allerdings beleuchtet die hier gestellte Frage nur den Beginn des Politikunterrichts. Wir fragten auch, ob der Politikunterricht „sich mehr mit aktuellen Themen beschäftigen“ solle. Dem stimmten 78,8 % aller Schüler/innen zu, 13,4 % sahen dies neutral und 7,8 % stimmten nicht zu.

Abbildung 36: Wunsch nach aktuelleren Themen im Politikunterricht, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Diese Zahlen zeigen, dass der frühere Politikunterricht in der Schule begrüßt würde. Es bestätigt sich wiederum das höhere Interesse höherer Bildungsgrade an politschen Themen. Die sonst häufigen Unterschiede zwischen Männern und Frauen fallen hier nicht so sehr ins Gewicht.

Der starke Wunsch nach Beschäftigung mit aktuellen Themen im Unterricht wurde auch in den Gruppeninterviews laut – würde der Politikunterricht attraktiver gestaltet, würde ein früherer Beginn entsprechend begrüßt.

Empfundene Verantwortung und Wunsch nach früherem Beginn des Politikunterrichts

Zwischen der Befürwortung eines früheren Politikunterrichts und einer empfundenen Verantwortung besteht bei Frauen eine Pattsituation: 29,9 % der Frauen lehnten beide Aussagen ab und 30,3 % stimmten beiden Aussagen zu. Dies gilt jedoch nur für 24,4 % bzw. 35,9 % der Männer.

Das Bild ändert sich, wenn die Personen genauer beleuchtet werden, die sich für die Entwicklung der Politik mitverantwortlich fühlen: 61,8 % der Frauen, die eigene Verantwortung für das politische Geschehen empfinden, wünschen sich einen früheren Beginn des Politikunterrichts in der Schule. Dies gilt für 66,8 % der Männer.

Auch Interesse an Politik ist ein unmittelbar nachvollziehbarer Grund, sich einen früheren Beginn des Politikunterrichts zu wünschen: 65,8 % der Frauen und 67,1 % der Männer, die ein hohes politisches Interesse haben, stimmten dem früheren Beginn folgerichtig auch stärker zu.

Eine wesentliche Erkenntnis dieser Studie ist: Politische Bildung in der Schule ist ein Schlüsselfaktor für politische Teilhabe. Nicht nur, dass dies der Ort ist, an dem die Jugendlichen mit politischen Themen am meisten in Kontakt kommen, ihr starker Wunsch nach Beschäftigung mit aktuellen Themen bestätigt auch, dass das durchaus vorhandene Interesse an Politik(18) hier befördert und vertieft werden kann.

Denn Interesse ist abhängig von als ausreichend empfundener Information (siehe Abbildung 18) – genau die Vermittlung dieser Informationen bzw. die Befähigung zum Verständnis politischer Information soll ja die Aufgabe der Schule sein.

Diese bessere Information sowie ein erhöhtes Verständnis politischer Entscheidungsstrukturen könnten auch die beunruhigend hohe Zahl derer, die eben diese Strukturen nicht nachvollziehen können, positiv verändern.(19)

Folgt man dem aufgezeigten Zusammenhang von politischem Interesse und als ausreichend empfundener Information, die die persönliche Verantwortung und somit auch das Engagement befördern, dann könnte ein frühe-
rer und mit aktuellen Inhalten versehener Unterricht genau dies leisten.

Die folgenden Zahlen unterstützen die Forderung nach einem entsprechenden Politikunterricht in allen Schulstufen. Sie zeigen den Grad des Verantwortungsbewussteins abhängig vom angestrebten Bildungsgrad auf. Der Aussage: „Ich bin für die Entwicklung der Politik mitverantwortlich“ stimmten 31,6 % der Befragten, die niedrige Schulabschlüsse zum Ziel haben, zu. Dies gilt auch für 41,7 % derjenigen, die mittlere Schulabschlüsse zum Ziel haben. Und wiederum gibt es einen deutlich größeren Anteil bei den Befragten, die höhere Schulabschlüsse anstreben: Sie stimmten der Aussage zu 56,7 % zu.

Abbildung 37: Einschätzung der eigenen Verantwortung für das politische Geschehen, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Die erkennbare Forderung ist, auf allen schulischen Ebenen spannende Angebote für den Politikunterricht zu machen. Das Interesse und das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Politik sind gegeben. Das Verstehen der politischen Sprache der Akteure und der Medien sowie das Beherrschen einer konfliktfähigen Sprache für den eigenen Austausch sind mächtige Schlüssel, die in der Schule schon früh erlernt und fortwährend geübt werden können.

Der folgende Dialog aus den Gruppeninterviews greift die grundlegenden Gedanken dieser Studie auf und beschließt so den Kreis der Forschung:

Schüler: „Eigentlich müsste man sich ja für Politik interessieren, oder? Ich meine, es geht um unser Land.“
Schüler: „Ja, wenn du dich langweilst, ist es die Folge von Desinteresse.“
Schülerin: „Eben. Wenn du den nicht verstehst, dann (…)“
Schüler: „Du interessierst dich nicht dafür, weil es dann langweilig ist, genau.“
Schülerin: „Ja, wenn du es nicht verstehst, dann ist es halt langweilig.“

  1. (15) Siehe Abbildung 44: Informationsquellen für politische Themen
  2. (16) Siehe Abschnitt „Politische Sprache im eigenen Alltag: Schule und soziales Umfeld„.
  3. (17) Siehe die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die die Unterstützung in der Schule als gering einschätzen und dennoch Freude an politischer Diskussion haben
  4. (18) Siehe Abschnitt „Die wichtigsten Zahlen im Überblick„.
  5. (19) Siehe Abschnitt „Sprache in politischen Entscheidungsstrukturen; Nachvollziehbarkeit politischer Entscheidungen„.