Sprachliche Spielräume der Politik

Auf den folgenden Seiten werden nun die in den Gruppeninterviews erwähnten sprachlichen Spielräume der Politik nacheinander dargestellt. Wieder gliedern sich diese Spielräume in ein Feld, das den politischen Sektor im Sinne von Medien, Politiker/innen, usw. umfasst, sowie ein zweites Feld, das das persönliche Umfeld wie Schule und den politischen Austausch mit Freunden oder der Familie beinhaltet.

Sprache in den Medien

In den Gruppeninterviews wurde immer wieder geäußert, dass die Vermittlung politischer Themen in den Medien – mit Ausnahme von Spiegel Online, KiKa und ZDFneo – kompliziert sei.

Darüber hinaus gab es Aussagen zu Medien, die stärker auf ihre Rolle bzw. den damit verknüpften gesellschaftlichen Anspruch bezogen waren:

Einfluss der Parteien auf Medien

In den in Abschnitt „Welche Auswirkungen der politischen Sprache werden von den Jugendlichen benannt?“ zitierten Aussagen wurde das politische System häufig sehr kritisch gesehen. Nach Ansicht der Interviewten befördern intransparente Strukturen ein hohes Maß an gegenseitiger Beeinflussung von Medien, Industrie und Politik. Dem für unsere Fragestellung wichtigen Teilaspekt „Medien (Zeitungen, Fernsehsendungen, Nachrichten, Onlineportale usw.) werden stark von den Parteien beeinflusst“ stimmten 50,8 % aller Befragten zu.

Der Aspekt des Einflusses der Parteien auf die Medien und ihre Berichterstattung wird also als maßgeblich ein-geschätzt; die vierte Macht im Staat wird kritisch gesehen oder gar vermisst. Dies äußert sich noch stärker in folgenden Aussagen:

62,1 % der befragten Frauen, die meinen, dass die Medien stark von den Parteien beeinflusst werden, finden auch, dass Medien häufig nicht objektiv über politische Themen berichten. Dies gilt auch für 67,9 % der befragten Männer.

Die Einschätzung, dass es den Medien an Objektivität mangele, steigt mit dem angestrebten Bildungsgrad: Grundsätzlich stimmten 53,7 % aller Befragten der Aussage „Medien berichten häufig nicht objektiv über politische Themen“ zu. Diese Aussage verteilt sich über die Bildungsgrade folgendermaßen: Sie gilt für 42,2 % der Befragten, die niedrige Schulabschlüsse anstreben, sowie 49,3 % derer, die mittlere Schulabschlüsse anstreben. Bei den Studienteilnehmer/innen, die höhere Schulabschlüsse anstreben, stimmten der Aussage sogar 56,1 % zu.

Abbildung 21: Mangelnde Objektivität der Medien, Einschätzung nach angestrebtem Bildungsgrad, Männer und Frauen im Alter von 16–19 Jahren

Nutzen von Onlinemedien für politische Themen

Im Abschnitt „Die wichtigsten Zahlen im Überblick“ wird in Abbildung 11 bereits deutlich, dass – verglichen mit Schule, Familie, Freunden und klassischen Medien wie Fernsehen und Zeitungen – Onlinemedien nur nachgelagert wichtig für die Vermittlung von Inhalten sind. Dies ist vor allem interessant, wenn man die hohe Onlineaffinität der Altersgruppe bedenkt, die auch in den Gruppeninterviews zur Sprache kam.

Bei der Frage „Wo kommst du normalerweise mit politischen Themen in Berührung?“ bestätigte sich, dass das häufig aufgesuchte Push-Medium der E-Mail-Startseite mit 37,9 % nur knapp hinter Onlinenews-Portalen mit 40,7 % liegt.

Alter, Geschlecht, angestrebter Schulabschluss und auch Ostoder Westherkunft machen beim nächsten Punkt keinen Unterschied: Die Kontaktdichte mit politischen Themen in sozialen Netzwerken (schülerVZ, facebook, Lokalisten usw.) ist mit nur 23 % sehr gering (weniger als einmal pro Woche). Bei 51,2 % der Befragten findet dieser Kontakt sogar weniger als einmal pro Monat statt. Dies mag daran liegen, dass es außer in Wahlkampfzeiten auch wenige Angebote gibt – angesichts der Beliebtheit dieser Netzwerke ist es jedoch eine vertane Chance.

Im Hinblick auf das der Studie zugrunde liegende Thema „Austausch“ wurde die Zustimmung zu folgender Aussage abgefragt: „Ich würde Gehör finden, wenn ich mit Politiker/innen in Kontakt treten würde (z.B. in einem Onlinechat/-forum).“

45,2 % der Frauen stimmten der Aussage nicht zu, ebenso 38,3 % der Männer. 26,1 % der Frauen sowie 35,6 % der Männer glauben, sie würden Gehör finden. Frauen sind also skeptischer, was diesen Punkt anbelangt, als Männer, bei denen sich Ablehnung und Zustimmung in etwa die Waage halten.

Die Zustimmung zu dieser Aussage nimmt mit der Höhe des Bildungsgrades ab. Jene Befragten, die höhere Schulabschlüsse anstreben, stimmten der Aussage zu 29,7 % zu. Deutlich mehr, nämlich 43,4 %, stimmten nicht zu. Jene, die mittlere Schulabschlüsse anstreben, stimmten der Aussage zu 36,9 % zu, 35,4 % stimmten nicht zu. Und der Teil der Befragten, die niedrige Schulabschlüsse anstreben, stimmte der Aussage zu 36,3 % zu, während 37,6 % nicht zustimmten – also eine relative Gleichverteilung bei den beiden letzten Bildungsstufen gegenber der Skepsis der höheren Bildungsabschlüsse.

Die Unabhängigkeit der Medien wird von beiden Geschlechtern stark angezweifelt, ihre Rolle als vierte Macht im Staat als nicht erfüllt angesehen. Dies ist ein mit Zahlen belegbarer Ausdruck einer der benannten Auswirkungen der gegenwärtigen politischen Sprache.

In diesem Abschnitt mit dem Fokus Medien wird deutlich, dass die Jugendlichen, die höhere Bildungsabschlüsse anstreben, in vielen Punkten noch skeptischer eingestellt sind als ihre Altersgenossen. Dies gilt sowohl für die Verflechtung der Medien mit der Politik als auch für die Einschätzung eines möglichen Austausches mit Politiker/innen über die Medien.

Dies erstaunt, da das Maß des Verständnisses für politische Sprache in dieser Gruppe höher eingeschätzt wird.(9) Es scheint also nicht nur um Verständlichkeit von Aussagen und Texten an sich zu gehen, sondern auch um eine wahrnehmbare Aufrichtigkeit der politischen Akteure und eine größtmögliche Objektivität der Medien.

  1. (9) Siehe Abbildung 13: Empfundene Kompliziertheit schriftlicher politischer Berichterstattung nach angestrebten Bildungsgraden.