Bedingungen

Im Wesentlichen bildeten sich in den Gruppeninterviews zwei Themenblöcke heraus, die unter dem Begriff „Bedingungen“ zusammengefasst wurden. Einer handelt von der Komplexität politischer Themen. Diese hat zur Folge, dass die Entwicklung einer eigenen, gut begründeten politischen Meinung sehr zeitintensiv ist. Der andere Themenblock zeigte das unterschiedliche Maß an Betroffenheit, Interesse und Verantwortung auf, das politischen Themen entgegengebracht wird. Die folgenden Abschnitte beleuchten eindeutig abfragbare Themen, die sich aus diesen beiden Themenblöcken ergeben.

Informationsverhalten angesichts großer Komplexität

In den Gruppeninterviews wurde die Komplexität politischer Themen stark betont. Daraus ergab sich die Frage, ob politische Bildung als mühevoll angesehen wird. Die Aussage wurde in den Interviews ebenfalls häufig getroffen.

Die Ergebnisse der Onlineumfrage bestätigen dies (siehe Abbildung 16): 60,8 % der Männer und 73,8 % der Frauen sehen dies so. Bei den Befragten, die sich nicht ausreichend über aktuelle politische Themen informiert fühlen, ist der Unterschied noch deutlicher: Frauen finden in dieser Gruppe um 22 Prozentpunkte stärker ausgeprägt als Männer, dass politische Bildung zeitlich aufwendig und mühevoll sei.

Bemerkenswert ist außerdem: Deutlich weniger Männer, die politische Information als zeitaufwendig und mühevoll empfinden, sehen sich als nicht ausreichend informiert an (22 %), Frauen gaben dies zu 44 % an. 9 Prozentpunkte mehr Männer als Frauen gaben an, dass politische Information zwar mühevoll sei, fühlen sich aber trotzdem ausreichend informiert (siehe Abbildung 16).

Abbildung 16: Mediennutzung angesichts großer empfundener Komplexität, Männer und Frauen im Alter von 16–19 Jahren

Interesse und Medienverhalten

In den Gruppeninterviews wurde häufig angegeben, dass man sich über Schlagzeilen, z.B. im U-Bahn-Fernsehen oder am Kiosk, informiere. So bot es sich an, diese Informationspraxis abzufragen.

41,8 % der Frauen stimmten der Aussage „Ich lese meist nur die Schlagzeilen, um mich über Politik zu informieren“ zu, ebenso 23,3 % der Männer.

Von den Befragten, die niedrige Schulabschlüsse anstreben, stimmten 34,9 % der Aussage zu; von denen, die mittlere Schulabschlüsse anstreben, waren es 39,2 %. Jene, die höhere Schulabschlüsse anstreben, stimmten zu 28,1 % der Aussage zu.

59,3 % der befragten Frauen mit geringem politischen Interesse lesen meist nur Schlagzeilen, um sich über Politik zu informieren. Dies gilt auch für 43,7 % der befragten Männer mit geringem politischen Interesse.

Ihnen gegenüber stehen 27,1 % der befragten Frauen mit hohem politischen Interesse, die meist nur Schlagzeilen lesen, um sich über Politik zu informieren, sowie 16,4 % der stark interessierten Männer.

Abbildung 17: Zusammenhang von politischem Interesse und dem bevorzugten Lesen von Schlagzeilen, Männer und Frauen im Alter von 16–19 Jahren

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Anteil derer, die nur Schlagzeilen lesen (im Sinne oberflächlicher politischer Information, die in den Gruppeninterviews als übliche Praxis häufig erwähnt wurde), sinkt signifikant mit dem selbst eingeschätzten Grad des politischen Interesses bei beiden Geschlechtern. Sie scheidet auch – wie in der Folge häufig – diejenigen, die höhere Schulabschlüsse anstreben, von denen, die formal niedrigere Abschlüsse für sich verfolgen.

Gelingt es erst einmal, politisches Interesse zu wecken, ist eine sorgfältigere Medienauswahl die Folge.

Abbildung 18: Informationsgrad und Medienverhalten, Männer und Frauen im Alter von 16–19 Jahren

Informationsgrad und Medienverhalten

In den Gruppeninterviews begegnete uns häufig eine widersprüchliche Haltung, die dem Muster folgt: „Ich informiere mich nicht differenziert, fühle mich aber ausreichend informiert.“ Dieser Widerspruch bestätigte sich in der Onlinebefragung nur schwach, und zwar geschlechterübergreifend in etwa gleich hoch: 13,4 % aller befragten Frauen fühlen sich ausreichend über aktuelle politische Themen informiert und stimmten der Aussage „Ich lese meist nur Schlagzeilen, um mich über Politik zu informieren“ zu. Dies gilt auch für 12,2 % aller befragten Männer.

75,9 % der Frauen, die sich ausreichend über aktuelle politische Themen informiert fühlen, haben ein hohes politisches Interesse. Dies gilt auch für 87,9 % der Männer.

34,1 % der Frauen, die hohes politisches Interesse haben, fühlen sich nicht ausreichend über politische Themen informiert – zusammen mit 20,1 % der Männer, für die dies ebenfalls zutrifft.

Abbildung 19: Zusammenhang des empfundenen Informationsgrades und des politischen Interesses, Männer und Frauen im Alter von 16–19 Jahren

Als ausreichend empfundene Information steht also bei beiden Geschlechtern deutlich in Zusammenhang mit dem politischen Interesse – daraus können Forderungen nach einer besseren Vermittlung sowohl durch die Medien als auch durch die Schulen abgeleitet werden.(7)

Abbildung 20: Zusammenhang von Interesse an politischen Themen und Verantwortung Männer und Frauen im Alter von 16–19 Jahren

Interesse und Verantwortung

Entgegen dem geläufigen Vorurteil, dass „die jungen Menschen sich einfach nicht für Politik interessieren“, zeigte sich sowohl in den Gruppeninterviews(8) als auch bei den Onlinefragebögen, dass es ein erkennbares Interesse (Frauen: 53,1 %, Männer: 76,3 %) sowie ein Verantwortungsgefühl (Frauen: 49,1 %, Männer: 53,8 %) gibt.

34,7 % der Frauen haben ein hohes politisches Interesse und fühlen sich für die Entwicklung der Politik mitverantwortlich. Dies gilt auch für 47,6 % der Männer (siehe Abbildung 20).

Zu denken gibt jedoch der hohe Anteil bei Frauen, die sowohl Interesse als auch Verantwortung verneinen (32,5 %). Bei Männern beläuft sich dieser Anteil auf 17,5 %. Vergleicht man in Abbildung 20 bei beiden Geschlechtern den linken unteren Quadranten mit dem rechten oberen Quadranten, stellt man einen großen Unterschied zwischen den Differenzen fest: bei den Frauen 2,2 Prozentpunkte und bei den Männern 30,1 Prozentpunkte. Selbst wenn der große Unterschied zwischen den beiden Werten einem nicht in Zahlen ausdrückbaren geschlechtsspezifischen Antwortverhalten geschuldet sein sollte, bedeutet er: Männer haben in weit höherem Maß als Frauen das Empfinden einer politischen Teilhabe im Sinne von Interesse und Verantwortung.

Unabhängig von einer Genderbetrachtung bleibt die ernüchternde Erkenntnis: Etwa ein Drittel der Frauen und fast 20 % der Männer zwischen 16 und 19 Jahren sind vom politischen Geschehen weitgehend abgekoppelt.

Bei beiden Geschlechtern ist die empfundene Verantwortung jedoch mit rund 50 % (beide rechte Quadranten addiert) stark ausgeprägt. Das deckt sich mit unseren Eindrücken aus den Gruppeninterviews. Interessant ist zudem: Der summierte Grad an Verantwortung unterscheidet sich zwischen Männern und Frauen nicht maßgeblich, sondern nur um 4,7 Prozentpunkte. Es stellt sich jedoch die Frage, warum mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer sich für Politik verantwortlich fühlen, obwohl sie kein Interesse an Politik haben.

Sollte der Grad der Verantwortung mit stärker ausgeprägtem Interesse nicht steigen? Welche Faktoren tragen noch zu einem ausgeprägteren Verantwortungsgefühl bei?

  1. (7) Siehe auch die Abschnitte „Sprache in den Medien„, „Politische Sprache im eigenen Alltag„.
  2. (8) Siehe auch Abschnitt „Betroffenheit, Interesse und Verantwortung„.