Handlungsempfehlungen für Politiker/innen, Parteien und politische Institutionen

„Sie stehen ja weiter oben in Deutschland, weil sie halt Gesetze beschließen und deswegen eine andere Position haben als der Normalbürger. Ich denke, dass einer fehlt, der zum Volk spricht. Klingt blöd, aber sodass man halt mal dieses Gefühl hat, dass wirklich der, der hinter diesem Pult steht, auch wirklich einer von uns ist.“ (Berufsschule)

„Man hätte vielmehr das Gefühl, sie würden dahinterstehen, wenn sie ihre Reden selber schreiben würden.“ (Gymnasium)

„Wenn ich dann so vorm Fernseher sitze und das dann höre, was sie erzählt, denke ich mir: ‚Hallo, was will denn die von mir?‘ Ich würde da einfach ganz normal reden, sodass es auch wirklich jeder versteht.“ (Sekundarstufe I)

„Vielleicht so eine ganze Partei mal zur Sendung mit der Maus schicken, dass die da was erläutert. Weil – manche Begriffe sind doch einfach irreführend.“ (Gymnasium)

„Das heißt nicht Nullwachstum, das heißt Stagnation. Also wirklich klipp und klar sagen, so und so sieht es aus, und nicht irgendwo versuchen, Schabernack mit der Bevölkerung zu treiben.“ (Berufsschule)

„Ich fänd’ es gut, wenn man den ganz groben Zusammenhang einfach noch mal kurz erklärte. Wenn ich z.B. sage, ich möchte Hartz IV um 5 Euro erhöhen, dann könnte man doch auch sagen: ,Ich möchte gerne Hartz IV um 5 Euro erhöhen, weil das Problem war das und das, und das ist meine Antwort darauf.‘ Das wäre doch eigentlich nicht so schwierig.“ (Oberstufenzentrum)

Die Aussage „Politiker/innen sprechen absichtlich eine abgehobene Sprache“ bestätigten 59,1 % aller Befragten.

78,5 % der Frauen, die finden, dass Politiker/innen absichtlich eine abgehobene Sprache sprechen, stimmten der Aussage „Es kostet Zeit und Mühe, um sich in den politischen Themen zurechtzufinden“ zu. Dies gilt auch für 67 % der Männer.

Verständlichkeit als Basis für politischen Austausch

Politiker/innen sprechen eine eigene Sprache. Das gilt für jeden Berufszweig und wird von den Befragten grundsätzlich verstanden und respektiert. Aber Politiker/innen sind in eine besonders wichtige und verantwortungsvolle Position gewählt worden. Sie sollen die Interessen der Bevölkerung vertreten – daher ist die Kommunikation mit dieser erfolgskritisch. Ihre Aufgabe können Politiker/innen durch eine einfache, verständliche Sprache deutlich besser erfüllen.

Konkret heißt das für die Aussagen, die direkt oder durch die Medien vermittelt an die jungen Wähler/innen gerichtet sind:

  • Fremdwörter konsequent durch einfachere Begriffe ersetzen
  • beschönigende Kunstwörter gegen angemessen dargestellte Fakten auswechseln
  • rhetorische Floskeln durch konkrete, verbindliche Aussagen ersetzen
  • Fachsprache nur in Fachkreisen nutzen
  • in Bildern und Metaphern sprechen
  • kurze Sätze ohne Verschachtelungen bilden
  • Überzeugungen in Reden lebhafter und glaubhafter vermitteln, z.B. indem auf der Basis von Stichworten frei gesprochen wird

Erwartbare Effekte

Die jungen Wähler/innen würden die Politiker/innen besser verstehen. Zum einen würde die vielfach benannte Distanz nicht mehr empfunden und somit eine Basis für Vertrauen in die politischen Akteure entstehen. Denn die Jugendlichen betonen immer wieder die „abgehobene Sprache“, die aus ihrer Sicht eine zu steile Hierarchie und somit Distanz zwischen Politiker/innen und Wähler/innen erzeugt. Das bedeutet nicht, dass Jugendsprache verwendet werden soll.

Zum anderen wird durch eine einfache, verständliche Sprache die für alle Beteiligten anstrengende Komplexität von Themen besser handhabbar. Auf das bestehende Interesse der Jugendlichen an politischen Themen würde mit verständlichen Aussagen reagiert. Dies würde die Fähigkeit, politische Themen einzuschätzen und einen eigenen Standpunkt zu entwickeln, befördern. Das wiederum erhöhte die Chance auf Austausch: Zwischen den Jugendlichen sowie Politiker/innen, Parteien und politischen Institutionen. Das politische System würde der Meinung der Jugendlichen nach also sogar selbst profitieren.

Sachlicher Dialog als Basis für Lösungsansätze

„Jeder hat in den Talkshows seinen Text und rattert den runter und es wird nicht aufeinander eingegangen. Schreien sich gegenseitig an, oder?“ (Oberstufenzentrum)

„Ich glaube, dass sie sich mit Absicht missverstehen. Auch um unangenehmen Fragen auszuweichen. Das passiert schon manchmal.“ (Gymnasium)

„Wir in der Schule sollen immer aufpassen. Wenn wir weggucken oder mit einem iPad oder so rumspielen (…) wir würden sofort Ärger bekommen. Aber die Politiker kriegen trotzdem ihr Geld und dürfen trotzdem weitermachen, obwohl sie gar nicht zuhören.“ (Oberschule)

„Er formuliert erstens aggressiv und andererseits hat er das geschickt angestellt: Er hat keine Lösungsvorschläge gemacht. Das ist deswegen raffiniert, weil die Politiker in ihrer rhetorischen Schulung sämtliche seiner Lösungsvorschläge in der Luft zerrissen hätten, in sämtlichen Talkshows, die man am Abend sieht.“ (Berufsschule)

„Also ich denke nicht, dass jemand von den Linken mit einem CDU-Mann übereinstimmen möchte oder auch nur ansatzweise zeigen möchte, dass sie einander zuhören. Das sind ja vollkommen verschiedene Ansichten. Aber das ist ja das eigentliche Problem, dass sie nicht auf den anderen eingehen. Alle denken an sich und wollen ihre eigenen Ziele durchsetzen und das ist es.“ (Gymnasium)

42,8 % der Frauen stimmten der Aussage „Politiker/innen würden das politische System gern verändern, aber sie können es nicht“ zu, während 28,7 % nicht zustimmten.

38,8 % der Männer stimmten der Aussage „Politiker/innen würden das politische System gern verändern, aber sie können es nicht“ zu, während 36,8 % nicht zustimmten.

Abbildung 39: Einschätzung der Veränderbarkeit des politischen Systems, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

„Ich würde Gehör finden, wenn ich mit Politiker/innen in Kontakt treten würde (z.B. in einem Onlinechat/-forum): 45,2 % der Frauen stimmten der Aussage nicht zu – 26,1 % stimmten ihr zu. 38,3 % der Männer stimmten der Aussage nicht zu, 35,6 % stimmten zu. Die Skepsis ist bei Frauen also stärker ausgeprägt.

Bei den Befragten, die hohe Schulabschlüsse anstreben, stimmten der Aussage 43,4 % nicht zu, bejaht wurde sie von 29,7 %. Jene, welche mittlere Abschlüsse anstreben, verneinten zu 35,4 % und stimmten zu 36,9 % zu. Ebenfalls in etwa ausgewogen verhält es sich bei den Befragten, die niedrige Schulabschlüsse anstreben: Verneinung zu 37,6 % und Zustimmung zu 36,3 %.

Abbildung 40: Annahme, dass man im Dialog mit Politiker/innen im Onlinechat/-forum Gehör finden würde, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Neben der Sprache, die an die jungen Bürger/innen gerichtet wird, sehen die Jugendlichen eine Gefahr in den von ihnen häufig als aggressiv empfundenen Auseinandersetzungen der Politiker/innen untereinander. Aggression beginnt damit, dass einander nicht zugehört wird. Entsprechend kann kein Austausch zur Sache stattfinden, der jedoch in ihren Augen nicht nur professioneller, sondern auch lösungsorientierter wäre.

Konkret heißt das für den Austausch der Politiker/innen untereinander:

  • zuhören, was der/die Gesprächspartner/in sagt
  • inhaltlich auf die Aussagen Bezug nehmen, statt Parteidisziplin zu demonstrieren
  • im Tonfall aggressive oder gar laute Auseinandersetzungen zugunsten eines sachlichen und an einer Lösung interessierten Dialogs vermeiden

Erwartbare Effekte

Die politische Auseinandersetzung zwischen Politiker/innen und politischen Institutionen könnte durch einen Dialog im Sinne des Zuhörens und Eingehens auf die Argumente der Gesprächspartner/innen inhaltlich spannender werden. Das Interesse am Zuhören bzw. Diskutieren der gewonnen Erkenntnisse würde bei den Jugendlichen geweckt und/oder erhalten. Die Politiker/innen erhielten oder gewönnen den Respekt zurück, den sie durch eine aggressive Sprache in den Augen der Jugendlichen verloren haben und derzeit immer weiter einbüßen.

Die aufgezeigten Zusammenhänge in diesem Abschnitt werden in Abbildung 4: Zusammenfassung „Sprache der Politiker/innen“ deutlich.