Handlungsempfehlungen für die Bildungspolitik

Die Bedeutung von Wissen und somit Bildung als Grundlage für eine eigene politische Position wird von den 16- bis 19-Jährigen als sehr wichtig eingeschätzt.(1)

Schule als gemeinsame Heimat gleichberechtigter, selbstbewusster Bürger/innen

„Deswegen sage ich auch: Es gibt keine Demokratie in Deutschland. Wenn man das haben möchte, dass das Volk wirklich wählt, muss es ja entsprechend gebildet sein, muss diese ganzen Sachen auch wissen, um eine Entscheidung zu treffen.“ (Berufsschule)

„Manchmal benutzen die auch in der Schule Wörter, die man gar nicht versteht. Vor allem als Ausländer. Und da verdrücke ich mich manchmal – ich tu so, als ob ich es verstanden habe.“ (Berufsschule)

„Leute, die eine gewisse Schulbildung haben, verstehen die Wörter ja auch. Von daher finde ich, dass die Politiker eigentlich ganz normal reden.“ (Oberschule)

„PW sollte auf jeden Fall Pflichtfach werden und nicht erst in der Oberstufe.“ (Gymnasium)

Abbildung 11: Informationsquellen für politische Themen, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Die Schule ist für Jugendliche der wichtigste Ort für die Begegnung mit politischen Themen (siehe Abbildung 11).

Die Schule selbst begründet und befördert in den Augen der Jugendlichen bereits gesellschaftliche Unterschiede und „Abgehobensein“, was sich in einem unterschiedlichen Verständnis der oft abstrakten politischen Begriffe ausdrücken kann. Auch hier geht es darum,

  • Politikunterricht verbindlich für alle Schulstufen anzubieten
  • eine verständliche Sprache im Unterricht zu benutzen und Fachbegriffe zu erklären
  • einen angstfreien Zugang zum Thema Politik zu ermöglichen

Schule als Ort, an dem eigenes Erleben zu nutzbarem Wissen reift

„Spaß an der Schule heißt nicht nur dieses frontale Unterrichten, sondern viel mit der Praxis arbeiten und selber ausprobieren können und dann dadurch Spaß haben und gerne zur Schule gehen.“ (Berufsschule)

„In der Schule ist es so, dass ganz oft der Zugang zum PWUnterricht schwer ist. Das ist sehr lehrerabhängig. Das ist das Fach, wo das am meisten auffällt.“ (Gymnasium)

„Politik sollte nicht ein Fach in der Schule sein. Ein Fach wird halt von einem Lehrer unterrichtet, das heißt, was die Schüler am Ende wissen oder denken, wäre ähnlich oder genau dasselbe, was dieser Mensch rüberbringen würde. Und man muss halt mehrere Sender haben, um es auf einer neutralen Basis zu empfangen.“ (Berufsschule)

Der Aussage, dass der Politikunterricht „sich mehr mit aktuellen Themen beschäftigen“ solle, stimmten 78,8 % aller Schüler/innen zu.

Abbildung 45: Wunsch nach aktuellen Themen im Politikunterricht, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Politikunterricht als Fach scheint einerseits besonders anspruchsvoll zu sein, andererseits werden dem Fach in den Augen der Jugendlichen oft nicht die angemessene Wertschätzung und die erforderlichen Ressourcen zuerkannt. Gewünscht werden:

  • Behandlung aktueller Inhalte und die zeitliche Möglichkeit für Lehrer/innen, diese vorzubereiten
  • Unterricht oder Diskussion der Inhalte durch mehrere Lehrer/innen, um eine politische Neutralität zu gewährleisten
  • Wahrnehmung auch externer Angebote und Einflüsse
  • attraktive Zeiten, zu denen der Politikunterricht stattfindet

Schule als Ort, an dem Demokratie praktisch gelebt wird

„Ich finde cool, dass wir einfach die Wahl haben. Lehrer und Eltern und Schüler haben überlegt, was man machen könnte. Also ich würde schon sagen, dass man bei uns an der Schule auf jeden Fall eine Möglichkeit hat, sich einzubringen.“ (Gymnasium)

„Wirklich gut wäre, wenn Schulpolitik wirklich was verändern könnte. Also wenn wir beispielsweise über die Länge der Klausuren entscheiden könnten oder so. Dann würde man ein Grundgefühl für Debatten kriegen und für Politik.“ (Gymnasium)

„Man könnte Grundschüler schon einmal im Monat oder einmal die Woche jemanden wählen lassen in der Klasse, der für irgendwas verantwortlich ist. Können Kleinigkeiten sein, ein Frühstück organisieren oder so. Aber dass man einfach diesen Prozess von Verantwortung übernehmen, wählen, drüber nachdenken, wer kann das usw., lernt. Bevor sie überhaupt wissen, was sie da eigentlich machen, dass sie einfach dieses Gefühl dafür haben.“ (Gymnasium)

55,1 % aller Befragten wünschen einen früheren Beginn des Politikunterrichts in der Schule.

55,1 % aller Befragten wünschen einen früheren Beginn des Politikunterrichts in der Schule. Dieser könnte ihrer Ansicht nach bereits in der Grundschule beginnen und hätte eine stärkere Mitbestimmung bei schulischen oder auch schulpolitischen Entscheidungen zur Folge (siehe auch Abbildung 8). Positiv bewertet bzw. vorgeschlagen werden:

Die Befragten, die niedrige Schulabschlüsse anstreben, stimmten der Aussage zu 34,1 % (Frauen) bzw. 48,5 % (Männer) zu. Von den Befragten, die auf mittlere Schulabschlüsse abzielen, bejahten 45 % (Frauen) bzw. 51 % (Männer) die Aussage. Und bei jenen, die höhere Schulabschlüsse anstreben, stimmten mit der Aussage 54,2 % (Frauen) bzw. 61 % (Männer) überein.

Abbildung 46: Wunsch nach früherem Beginn des Politikunterrichts nach angestrebten Bildungsgraden, Männer und Frauen im Alter von 16 – 19 Jahren

Die einfachste und wirksamste Form der Vermittlung politischer, insbesondere demokratischer Inhalte sehen die Jugendlichen in der alltäglichen Praxis von Demokratie. Dies könnte ihrer Ansicht nach bereits in der Grundschule beginnen und hätte eine stärkere Mitbestimmung bei schulischen oder auch schulpolitischen Entscheidungen zur Folge. Positiv bewertet bzw. vorgeschlagen werden:

  • deutlich früher spielerisch demokratische Prinzipien in der Klasse zu üben und so die konstruktive Auseinandersetzung über Inhalte zu lehren und zu befördern
  • Schüler/innen, Eltern und Lehrer/innen in schulische Entscheidungen einzubinden

Erwartbare Effekte

Die Schule könnte statt des Elternhauses oder in Ergänzung dazu ein Ort der demokratischen Praxis werden: sowohl Lehrstätte als auch Übungsfeld. In welchem Rahmen dies geschieht, welches Maß an Mitbestimmung möglich und realisierbar ist, müsste definiert werden. Das Bedürfnis, diesen für jede/n Bürger/in so bestimmenden Ort interessengerechter zu gestalten, ist sehr groß.

Schüler/innen solcher Schulen wäre ein Austausch zu politischen Themen selbstverständlich und sie würden ihn nicht als Bedrohung begreifen. Sie wären zudem befähigt, sich eine fundierte eigene Meinung zu bilden und ihr politisches Interesse in einer ihnen gemäßen Form verfolgen oder selbst zu gestalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dieses Interesse und Engagement nach ihrer Schulzeit weiterverfolgten, wäre deutlich eher gegeben als heute.

Die aufgezeigten Zusammenhänge in diesem Abschnitt werden in Abbildung 8: Zusammenfassung „Politischen Austausch lernen: Chance für die Schulen“ deutlich.

  1. (1) Siehe auch Abschnitt „Welche Auswirkungen der politischen Sprache werden von den Jugendlichen benannt?; Wählen gehen als Balanceakt zwischen den Polen der bürgerlichen Pflicht und dem eigenen Gewissen„.