Politische Sprache im eigenen Alltag: Schule und soziales Umfeld

Im Kapitel „Wie stellen sich für Jugendliche die sprachlichen Spielräume der Politik dar?“ wurde die Sicht der Jugendlichen auf das politische System dargestellt. Im folgenden Abschnitt wird die Perspektive gewechselt: Nun geht es um die Erfahrungen mit dem Politischen im eigenen Alltag der Jugendlichen – in der Familie, im Kreis der Freunde und in der Schule.

Politische Diskussionen im eigenen sozialen Umfeld werden größtenteils vermieden. Nur eine Minderheit sagte, dass diese im eigenen Alltag stattfinden und man sich gern daran beteilige. Wenn Diskussionen in der Familie stattfinden, dann fast ausnahmslos mit Vätern. Der überwiegende Teil der Schüler/innen setzt unterschiedliche Standpunkte in politischen Diskussionen mit Konflikten gleich. Daher werden politische Themen – ob in der Familie oder im Freundeskreis – vermieden.

Das entspricht der Tatsache, dass die Schüler/innen auch in den Interviews politische Themen eher mieden. Das gilt sowohl für das Gespräch als auch für den spielerisch angelegten Teil der Gruppeninterviews. (siehe Anhang „Interviewleitfaden“)

Politische Bildung durch Eltern – hier wird die eigene Haltung (häufig durch den Vater) geprägt

Interviewer: „New York Times – wie kommt es, dass du eine englischsprachige Zeitschrift liest?“
Schüler: „Mein Vater. Der liest sie immer und ich deshalb auch.“ (Oberstufenzentrum)

„Mein Vater, der holt sich ja jeden Tag eine Zeitung. Die lese ich dann manchmal, wenn ich Zeit habe.“ (Berufsschule)

„Meine Mutter frage ich: ‚Wie ist das?‘ Z.B., wie die Diplomaten über die deutschen Politiker denken, dann frage ich sie, ob das wirklich so stimmt, ob die wirklich so rüberkommen (…) dann diskutieren wir manchmal darüber. Und sonst? Na ja.“ (Oberschule)

„Ich halte mich da immer raus, ich habe halt nicht die Ahnung, wie z.B. mein Vater. Deswegen mische ich mich da gar nicht ein.“ (Berufsschule)

„Ich habe irgendwann angefangen was zu kommentieren, weil wir vor dem Fernseher saßen und Tagesschau geguckt haben. Da habe ich gesagt: ‚Das ist aber Mist.‘ Meine Mutter hört zu und sagt meistens nichts dazu, was ich dann auch blöd finde, weil ich auch gerne einen Dialog hätte zu Hause. Es ist ziemlich schwierig, in die politische Debatte reinzukommen, wenn man das nicht schon von vornherein hatte, im Elternhaus.“ (Gymnasium)

Kollektive Verantwortungslosigkeit auf Basis eines hohen Lebensstandards wird kritisiert

„Natürlich müssen die Politiker sich am Volk orientieren usw. Aber umgekehrt muss sich das Volk eben auch darum kümmern.“ (Waldorfschule)

„Wenn man in ärmeren Ländern der EU ist, sind die Leute oft sehr viel interessierter, weil sie genau wissen: ‚Ein Beschluss hängt unmittelbar mit dem zusammen, was danach für mich passiert.‘ Die hören mehr auf den Wortlaut, weil sie genau wissen: Da kann was Kleines entscheidend sein. Während hier für die allermeisten Leute, die ich kenne, das Leben weitergeht, wie es vorher weiterging. Egal wie der Beschluss war, egal wie viele Milliarden jetzt Griechenland kriegt oder nicht kriegt. Das ist denen im Grunde völlig egal.“ (Gymnasium)

„Jeder achtet nur darauf, dass seine Schäfchen im Trockenen stehen und dass der Fernseher läuft. Und keiner hat eine Ahnung oder einen Durchblick oder auch nur Bock drauf, solange es einem gut geht, sich Gehör zu verschaffen oder mal aufzupassen.“ (Gymnasium)

„Wir sind ja auch Schuld. Wir haben ja die Möglichkeiten, uns zu informieren: Wir haben das Internet, wir haben so viele Quellen, woraus wir unser Wissen beziehen können. Man zeigt zuerst mit dem Finger am besten erst mal auf sich selber und ich finde, wir hätten ja die Chance, aber wir machen es einfach nicht.“ (Gymnasium)

Politische Auseinandersetzungen fordern Konfliktfähigkeit in hohem, oftmals nicht bewältigbarem Maße

„Oh, das ist ganz schlimm, Familie, das geht gar nicht. Also wenn da eine politische Diskussion ausbricht, das ist wirklich ganz schlimm.“ (Gymnasium)

„Ich rede mit meiner Mutter manchmal über so was, aber eher selten, weil wir immer verschiedene Meinungen haben und das artet dann immer aus. Aber mit meinem Vater rede ich viel über so was.“ (Oberschule)

„Mein Vater und mein Bruder sind interessiert an Politik und beim Essen diskutieren sie die ganze Zeit. Ich mag das gar nicht, weil ich finde: ‚Jeder hat eine andere Ansicht über Politik und wenn man diskutiert (…) irgendwie (…) das bringt nichts.'“ (Berufsschule)

„Ich habe einen Freund gehabt, der in der Jungen Union war und der hat auch die ganze Zeit immer nur darüber geredet. Das stört einfach total, wenn man nicht derselben Ansicht ist wie er.“ (Berufsschule)

„Es gibt ja Menschen, die die ganze Zeit reden und die ganze Zeit Argumente bringen. Falls sie mit einem Argument jemanden auf den Schlips treten, dann kommen die ContraLeute auch mal aus ihrer Ecke. Aber eigentlich ist wirklich so Desinteresse bei richtig vielen Leuten.“ (Berufsschule)

Konfliktfähigkeit als zentrale Kompetenz für eine politische Auseinandersetzung im eigenen Alltag wird offensichtlich weder im Elternhaus noch in der Schule ausreichend vermittelt. Es gibt jedoch ein Bedürfnis nach einem Austausch über politische Themen. Dieses Vakuum wird derzeit eher durch einen Scheindialog mit klassischen Medien „gefüllt“.

„Social Media“ könnten einen Austausch rein technisch zwar leisten, werden aber kaum dafür in Anspruch genommen. Aus den Gruppeninterviews ist ablesbar, dass die Seriosität der dort verhandelten Meinungen skeptisch gesehen wird. Die theoretische Möglichkeit, direkt mit Politiker/innen in einen Dialog zu treten, wird nicht als attraktiv angesehen. Man geht davon aus, dass man im Gespräch mit ihnen sowieso „den Kürzeren ziehen“ würde. Die Politiker/innen werden von den Jugendlichen als rhetorisch so geschult eingeschätzt, dass sich von vornherein ein Unterlegenheitsgefühl einstellt.

Bedürfnis nach öffentlichen politischen Diskussionen – als Informations- und Motivationsquelle

„Ich kenne auch Leute, die nicht so denken (…) viele meiner Freunde sind auch politisch engagiert und es wird auch meistens über Politik geredet, wenn wir uns treffen, meistens geht es auch stundenlang so. Und ja: Ich finde das toll.“ (Gymnasium)

„Die Meinungen durchzusetzen (…) man fühlt sich so, als könnte man wirklich in dem Moment was verändern und ich glaube, das macht mir Spaß.“ (Gymnasium)

„Also es gibt ja diese türkischen Cafés, wo die alten Säcke immer sitzen, diese Brettspiele spielen und da unterhalten sie sich 24 Stunden über Politik. Da bekommt man vieles mit.“ (Berufsschule)

„Es gibt nicht mehr viel Freude an Diskussionen, viele Leuten weichen dem mittlerweile aus, was ich sehr schade finde. Denn ich bin der Meinung, Diskussionen schulen unheimlich. Da kann man sehr viel draus lernen, auch aus der Meinung anderer.“ (Berufsschule)

„Ich glaube, die intensivste Informationsquelle, die ich nutze, sind die Menschen um mich rum, mit denen ich mich unterhalte. Im Dialog mit anderen Menschen, die auch eine Meinung haben, im besten Fall eine andere, kann man sich super austauschen und dann ein Thema viel besser durchdringen, als wenn man sich irgendwelche Fakten und Zahlen anguckt.“ (Oberstufenzentrum)

Schülerin: „Ich werde mit einem Freund einen Kurs leiten und da werden wir auch debattieren und Diskussionsrunden machen. Wurde schon alles geregelt mit dem Direktor und jetzt brauche ich nur noch eine Liste, wer dort alles mitmachen möchte und Interesse hat.“
Interviewerin: „Und was ist euer Ziel in diesem Projekt?“
Schülerin: „Debattieren und diskutieren.“ (Gymnasium)

Abbildung 7: Zusammenfassung „Politische Sprache im eigenen Alltag“

Unbefriedigender „Ersatzdialog“ mit den Medien gepaart mit Skepsis gegenüber digitalen Dialogformaten

„Mir geht es auch immer so, dass ich dann irgendwas nach dem Fernseher werfe, oder so. Weil man sich so denkt: ‚Was labert der denn? Mann, ich muss da irgendwas gegen sagen!‘ Aber man denkt so: ‚Nein, das ist ja im Fernsehen, ich kann ja gar nichts tun.“ (Gymnasium)

Interviewerin: „Und wie verfolgt ihr die Debatten? Hört ihr dazu die Nachrichten? Lest ihr darüber Zeitungen? Sprecht ihr vor allem hier in der Schule darüber? Wie ist das?“
Schüler: „Also ich persönlich meistens aus dem Fernsehen oder auch von meinen Eltern her, rede ich einfach mit denen drüber. Aber größtenteils aus dem Fernsehen und wenn man im Internet was sieht, dann vielleicht auch mal im Internet. Aber größtenteils Nachrichten.“ (Gymnasium)

„Meine Hobbys sind auch eigentlich größtenteils meine Freunde, aber auch manchmal der PC.“ (Gymnasium)

„Das Problem ist, dass viele Onlinequellen einfach nicht seriös und sicher sind. Es gibt manche, auf die man sich verlassen kann. Aber es gibt so viele unseriöse Sachen und da kann man sehr schnell irgendjemandem aufsitzen.“ (Gymnasium)

„Dann gehst du in irgendwelche Foren, dann weißt du auch nicht, wie qualitativ wertvoll das ist, wenn da jetzt jemand dazu schreibt.“ (Gymnasium)

Abbildung 7 verdeutlicht Ansichten zum Thema „Politische Sprache im eigenen Alltag“.

Politischen Austausch lernen: Aufgabe für die Schulen

Die Schule bietet aus Sicht der Jugendlichen einen idealen Ort, um Konfliktfähigkeit zu lernen. Diese Vorstellung ist in der Forderung nach einer frühen, praxisbezogenen Vermittlung von Demokratie enthalten. Gewünscht wird eine zu Beginn eher praxisbezogene, eng am Alltag orientierte Vermittlung von Demokratie, z.B. durch gemeinsames Entwickeln von Regeln, Klassensprecherwahlen, usw., die dann im Laufe der Schuljahre durch klassisches Politikwissen ergänzt wird. Jugendlichen ist wichtig, dass der Politikunterricht nicht durch politische Beeinflussung geprägt ist.

Generell wird in Bezug auf die politische Bildung in den Schulen ein großes Defizit empfunden und ausgedrückt. Insbesondere in der Sekundarstufe I wird der Politikunterricht vermisst. Nach Ansicht der Jugendlichen sollte er in jedem Fall früher, durchaus bereits in der Grundschule, stattfinden.

Der Wunsch nach mehr, neutralerer, früherer und praxisbezogener politischer Schulbildung entspricht dem Bedürfnis, sich erst eine eigene Meinung zu bilden, wenn man genügend Wissen dafür erlangt hat. Hieran koppelt sich auch der Wunsch, mehr aktuelle Themen zu behandeln. Ein weiterer Grund ist das milieuübergreifende Bewusstsein, dass die Demokratie ohne Interesse für Politik und folglich ohne Teilhabe nach und nach ausgehöhlt wird (siehe Abbildung 35).

Gefordert wird von den Schulen die schrittweise, praxisbezogene, neutrale und deutlich früher ansetzende Entwicklung einer Politikkompetenz bei den Schüler/innen analog zu der oft diskutierten Medienkompetenz.

Fähigkeit, sich eine eigene politische Meinung zu bilden, wird vermisst und in der Schule nicht ausreichend gefördert

„Allgemein ist Politik ein sehr komplexes Gebiet und auch schwierig. Ich halte mich da mit Kritik ziemlich zurück. Es ist einfach nicht leicht, ein konkretes Interesse darzustellen (…)“ (Waldorfschule)

„Wenn man sich einem politischen Thema widmen möchte, gehört unheimlich viel Wissen und Verständnis und eine Verknüpfungsfähigkeit dazu, ein Thema so zu erfassen, so dass man sich tatsächlich eine Meinung bilden kann. Es gibt ganz selten Themen, wo man sagen kann: ‚Da habe ich eine Meinung zu.‘ Häufig ist es so, dass immer wieder andere Leute an einen herantreten und sagen können: ‚Aber pass‘ auf, es gibt noch den Gesichtspunkt, oder es gab aber da mal eine Studie, oder das wurde da schon probiert.'“ (Berufsschule)

„Ich habe manchmal das Gefühl, Politik ist für die Politikkenner und in der Schule ist es halt so, dass vieles vorausgesetzt wird, was wir über Politik wissen, was eigentlich überhaupt nicht vorhanden ist. (…) Und in der Klasse gibt natürlich keiner zu, dass er das jetzt nicht versteht, weil es dann halt peinlich ist, aber das ist nun mal der Fall.“ (Berufsschule)

„Die Diskussionsbereitschaft ist gar nicht da. An unserem Kurs sieht man das: Wenn wir eine Diskussion starten wollen oder darüber abstimmen, ob wir es nun tun oder nicht. Dann sagt halt ein Großteil wirklich ‚Nein‘ dazu. Wo man denkt: ‚Okay, die Leute haben PW belegt, was eigentlich das perfekte Fach zum Diskutieren und Debattieren ist und weigern sich aber.‘ Wenn die Bereitschaft nicht da ist, dann macht das auch keinen Sinn.“ (Gymnasium)

Forderung nach konsequenter Durchsetzung eines attraktiven, aktuellen und neutralen schulischen Angebots

„Ich finde z. B. schrecklich, dass ich nur einmal die Woche PW hatte, morgens um 8:00 Uhr, wo einfach wenig Leute erschienen sind. Und diese Stunde ist auch öfter ausgefallen, weil der Lehrer krank war. Da habe ich schulisch leider ein gewisses Grundwissen nicht angelegt bekommen. In der Schule könnte man aber viele Informationen erhalten.“ (Waldorfschule)

„Das Fach Politische Weltkunde ist sehr lehrerabhängig, das ist das Fach, wo das am meisten auffällt. Wir hatten das letztes Jahr (…) das war so sehr trocken und das muss eigentlich überhaupt nicht sein. Das war so in die Richtung konservativ-liberal und das war halt total schade.“ (Gymnasium)

„Ich finde es ganz, ganz wichtig, dass in den PW-Unterricht aktuelle Themen einfließen. Vorher war das überhaupt nicht so. Es war eher ein geschichtliches Unterrichtsfach, wo man halt rausgefunden hat, wie sich das alles entwickelt hat oder aufgebaut ist. Und jetzt ist es ganz gut, dass man am Anfang der Stunde eigene Probleme diskutieren kann.“ (Gymnasium)

„Manchmal gibt es natürlich auch trockene Themen, aber das ist halt so, wenn man sich mit Sachen auseinandersetzen muss. Aber ich habe hier auch das Gefühl, dass wir viel mehr mitbestimmen können, was wir machen und wie wir es machen wollen und das ist halt in anderen Unterrichtsfächern überhaupt nicht der Fall.“ (Gymnasium)

Politische Bildung sollte deutlich früher einsetzen und altersgerecht demokratische Praxis üben

„Es lastet ganz schön viel Verantwortung auf den Eltern. Gerade, wenn Eltern berufstätig sind und das Leben erst mal geregelt kriegen müssen (…) Dann ist es schwer, die Kinder noch mit Wertvorstellungen und politischer Bildung vollzupumpen. Das sind ganz schön viele Sachen auf einmal und Politikunterricht in der Schule fängt halt echt spät an.“ (Gymnasium)

„Das würde ich früh als Unterrichtsfach machen, schon in der 5.Klasse anfangen. Aber erst spielerisch, dass sie schon spielerisch mitkriegen, was alles Politik ist.“ (Sekundarstufe I)

„Dass man Grundschülern zeigt: ‚Okay, ihr könnt mitbestimmen.‘ Sagen wir mal im Unterricht, dann erklärt man denen: ‚Was heißt Demokratie?‘ Natürlich nicht mit den totalen Fremdbegriffen (…) aber einfach so ein kleines Gefühl dafür zu geben, was heißt Demokratie, was machen wir hier in Deutschland überhaupt und dann halt – je älter sie werden – desto komplexer wird das.“ (Gymnasium)

Abbildung 8: Zusammenfassung „Politischen Austausch lernen: Chance für die Schulen“

Die Abbildung 8 zeigt die Wünsche zum Thema „Politischen Austausch lernen: Chance für die Schulen“ auf.