Sprache der Politiker/innen

Die Jugendlichen äußerten Verständnis und Respekt für das politische Amt. Dennoch wird kritisiert, dass die gegenwärtig vorherrschende Sprache kontraproduktiv wirkt. Dies geschieht, indem sie unnötige Distanz schafft. Diese Distanz bewirkt im schlimmsten Fall, dass die Aussagen als manipulativ oder gar als Lüge wahrgenommen werden.

Verständnis und Respekt für die Arbeit von Politiker/innen – Kritik an zunehmender Distanz zwischen ihnen und den Bürger/innen

Interviewer: „Stell dir jetzt vor, du stehst vor einer Fernsehkamera und wirst jetzt zu Politik befragt. Würdest du dort genau so reden, wie du gerade mit mir redest, oder würdest du anders reden?“
Schüler: „Ich würde einen Blackout kriegen und dann würde ich abhauen.“ (Sekundarstufe I)

„Wenn irgendwelche Mehrländertreffen sind, mit der ganzen EU: Die nimmt kein Blatt vor den Mund. Die traut sich schon was zu sagen. Und sie kann das auch. Das kommt immer ganz cool rüber. Also, die macht das auch echt schon cool.“ (Berufsschule)

„Politik ist ja ein eigenes Fach und hat auch eine ganz eigene Fachsprache. Natürlich hat jeder Politiker ein ganz breitgefächertes Wissen, weil es eben eine komplexe Aufgabe ist. Aber trotzdem ist Politik ja letztendlich eine Regelung für uns Menschen, für das Volk. Und wenn sich die Politik so abgespalten hat, dass wir sie nicht mehr verstehen, dann funktioniert es einfach nicht mehr. Deswegen denke ich, ist es ganz wichtig für die Politiker, dass sie den Bezug zu dem Volk auch verbal halten. Dass sie verstanden werden und dass es nicht so ausartet, dass sich ein Politiker so ausdrückt – vielleicht, um besonders kompetent zu wirken und beeindruckend zu sein.“ (Gymnasium)

Politbühne fordert eine anspruchsvolle Sprache und das internationale Parkett Englischkenntnisse „Die müssen so geschwollen reden, denn andere Politiker in anderen Ländern würden ja sonst denken, dass die irgendjemand Dummes an die Spitze gewählt haben. Z.B., wenn die von Journalisten eine Frage gestellt bekommen, können sie ja nicht ’sprechen‘ sagen, sondern müssen z.B. ‚artikulieren‘ nehmen. Damit zeigen sie ja, dass sie was im Kopf haben.“ (Oberschule)

„Ich würde darauf achten, dass Politiker ein gewisses Maß an Englischkenntnissen haben.“ (Oberschule)

„Sie repräsentiert unseren Staat, deshalb kann sie nicht sprechen wie ein normaler Mensch.“ (Sekundarstufe I)

Wahrnehmung von Sprache und körperlichem Ausdruck: abgrenzend, aggressiv und arrogant

„Es gibt auch viele Ausländer, die Deutsch noch nicht so gut sprechen und diese Fremdwörter gar nicht kennen. Wörter, die wir Deutschen teilweise auch nicht kennen. Das ist einfach nicht gut: Dann versteht man die nicht und man will ja schon wissen, worum es geht. Wenn die so eine schwere Sprache benutzen, will man denen gar nicht mehr zuhören. Dann wird es langweilig, man interessiert sich nicht mehr dafür und passt dann nicht mehr richtig auf.“ (Oberschule)

„Nicht alles versteht man gleich auf Anhieb: Wenn man sich das öfters mal alles reinzieht, dann geht es halbwegs. Aber ist schon ein Kauderwelsch, muss man sagen. Das ist dann nicht so nachvollziehbar für jemanden, der nicht studiert hat oder so.“ (Berufsschule)

„Mir kommt es so vor, als wenn Politiker sich damit rühmen wollen: Umso mehr Fachbegriffe sie benutzen, umso toller sind sie. So kommt mir das manchmal vor: Dass sie dann toller sind als andere, die vielleicht nur fünf Fachbegriffe benutzen.“ (Oberstufenzentrum)

„Ich würde gar nicht mal sagen, dass mich die Fachbegriffe stören. Sondern dass sie quasi was Besseres sind. Sie sind ja höher und reden halt so auf einen herab. Ich glaube, das ist auch so eine Sache, die abschreckt. So dass man das gar nicht sehen will.“ (Berufsschule)

„Ich glaube, die (Politiker/innen, Anm. d. Red.) halten ihre Reden gar nicht fürs Volk. Die halten die eigentlich nur füreinander. Das ist doch eher so: Da ist halt eine Kamera, die nimmt das auf, was die sich da gegenseitig an den Kopf werfen, aber die wollen ja nicht das Volk ansprechen, oder?“ (Berufsschule)

Interviewer: „Was würdest du erwarten, wie ein Politiker mit dir redet?“
Schüler: „Er wird mich ein bisschen runtermachen wollen.“ (Sekundarstufe I)

Manipulation der Inhalte – oder gar bewusste Förderung des Desinteresses an Politik?

„Das machen sie doch sehr gut, dass sie erklären. Aber sie machen es in einer Form, dass es einfach erklärt ist: ‚Es muss sein, dieses Geld muss verschoben werden und es gibt keine Alternative dazu.‘ Das ist ja eine eindeutige Beeinflussung. Es wurden keine Alternativen dazu aufgelistet und selbst die Option, dass man Griechenland einfach absinken lässt, wurde ja gar nicht in Erwägung gezogen. Und eine öffentliche Diskussion wird durch diese Worte gelenkt, finde ich.“ (Oberstufenzentrum)

„Manchmal kommen so Begriffe raus wie ’negatives Wachstum‘, was nun mal kein Wachstum ist. Immer dieses ja wirklich gute Verpacken von irgendwelchen Problemen, dass sie weniger schlimm hervortreten, als sie eigentlich sind.“ (Gymnasium)

„Ich denke, dass die Politik ihre eigene Sprache gefunden hat. Dass Politiker eigene Redenschreiber haben, um das, was das Volk vielleicht nicht hören soll, zu verbergen.“ (Gymnasium)

„Also die formulieren das ja schon kompliziert. Wahrscheinlich, um die Leute mundtot zu machen. Wenn ich es nicht kapiere, dann schalte ich lieber ab und sage nichts dazu. Ich könnte ja was Falsches sagen oder ich könnte mich ja blamieren, weil ich das halt nicht verstehe. Und ich denke das ist vielleicht auch so ein Mittel, die Leute mundtot zu machen. Ich formuliere so, dass sie es nicht verstehen und dann halten sie sich da raus. Dann beschäftigen sie sich gar erst nicht damit.“ (Berufsschule)

Übermaß an „Fachsprache“ und rhetorische Floskeln werden im schlimmsten Fall als Lüge empfunden

„Wenn ich mich mit meinem Vater über das Thema unterhalte, reden wir ganz anders miteinander, als wenn das ein Politiker erzählen würde. Z.B. in der Wortwahl, die ganzen Fachbegriffe und auch das Fachwissen. Es sind auch komplette Themenbereiche, wo man einfach nicht durchsteigt.“ (Oberstufenzentrum)

„Wenn die mit Fachbegriffen rumschmeißen, versteht es ja eh keiner. Dann kann sich auch keiner beschweren, was richtig ist und was falsch ist.“ (Berufsschule)

„Es gibt ja einfach diese Floskeln, die man auswendig lernt. Damit man, wenn man jetzt rauskommt, auf einen festen Satzbau zurückgreifen kann, den man dann runter rattern kann. Das ist eben so dieses Nichtssagende sehr Vielsagende.“ (Berufsschule)

„Dass sie nicht immer so um den heißen Brei herumreden. Wenn man so eine Rede hört, schläft man fast dabei ein, weil die nie richtig auf den Punkt kommen.“ (Gymnasium)

„Ich würde sagen, dass sie durch ihr geschicktes Rumreden die Leute blenden. Dass es dann schön aussieht, aber halt nicht das ist, was sie am Anfang gesagt haben. Weil sie es auch gar nicht durchsetzen können. Sie versprechen viel zu viel, was dann gar nicht geht. Und das ist eigentlich eine Lüge.“ (Berufsschule)

„Immer in Schachtelsätzen, also so, dass der eigentliche Sinn immer verborgen bleibt.“ (Gymnasium)

Die Jugendlichen kritisieren, dass die Distanz zwischen Politiker/innen und den Bürger/innen durch eine unverständliche Sprache immer größer wird. Als mächtige, aber im Ergebnis schädliche Einflussgrößen werden Kommunikationsberater/innen und Redenschreiber/innen gesehen. Die 16- bis 19-Jährigen befürchten, dass durch die so entstehende, nur noch auf sich selbst bezogene Sprache der Austausch von Meinungen zwischen den Politiker/innen erschwert wird. Sie finden auch, dass dieser Austausch durch eine als unprofessionell empfundene Aggression gefährdet wird.

Rhetorische Beratung und Schulung lässt Politiker/innen als konfliktunfähige Sprachmarionetten erscheinen

„Jeder Politiker hat mindestens zehn Gesprächstrainings hinter sich. Und in diesen wird ja beigebracht, wie man sich verhalten muss. Ich glaube, die Sprachstrategie wird sich nicht ändern, denn sie möchten ja in der Position bleiben, um entscheiden zu können.“ (Oberstufenzentrum)

„Also, wenn ich mir das so angucke, was wir im Abiturunterricht behandelt haben: Lingua Tertii Imperii, Victor Klemperer (…) der hat sich intensiv als Zeitzeuge mit der Sprache des dritten Reichs auseinander gesetzt. Und im Wissen dessen, was das für eine Sprache gewesen ist – linguistisch gesehen – muss man sagen, dass Politiker X teilweise sehr stark diese Sprachmerkmale benutzt.“ (Berufsschule)

„Na ich glaube, unangenehme Sachen werden nie gerne gesagt. Also wenn es z. B. im nächsten Jahr Sparmaßnah-men gibt, dann wird der Politiker nicht sagen: ‚Ja tut mir leid, nächstes Jahr habt ihr alle weniger in der Tasche.‘ Der wird sagen: ‚Ja bla.‘ Und dann irgendwelche Maßnahmen.“ (Gymnasium)

„Leute, Leute, Leute besucht einen Rhetorik-Kurs und hört auf, Reden schreiben zu lassen. Macht das selbst. Und was ich ganz wichtig finde, ist wieder die Regelung einzuführen, dass wieder frei gesprochen werden soll vor dem Bundestag. Sich dort hinstellen und irgendein Papier ablesen, das zeugt vielleicht davon, dass man lesen kann, dass man auch vorlesen kann. Aber es zeugt nicht davon, dass man irgendeine Überzeugungskraft hat.“ (Berufsschule)

„Mein Eindruck ist: Das interessiert die überhaupt nicht, die wollen in der Politik mehr oder weniger nur ihren eigenen Willen durchsetzen. Sei es nur, um das eigene Ego zu pushen oder auch zu zeigen, wie viel Kraft und wie viel Macht man hat. Das ist einfach Tatsache, dass man nicht das Gefühl hat, dass die für das Volk regieren, sondern dass die für sich selbst regieren.“ (Berufsschule)

Aggression um des Machterhalts willen stößt ab und wirkt unprofessionell

„Ich kann es nicht leiden, wenn Politiker sich in irgendwelche Reden rein steigern. Das passiert ganz schnell. Die Gestik und wie die gucken, was die sagen, wie die es sagen. Das kann ich überhaupt nicht leiden, wenn die denken, sie wissen, was richtig ist und wer jetzt nicht erkennt, was richtig ist, der ist dumm. Die vertreten ihre Partei, vertreten bestimmte Grundgedanken, bestimmte Werte, für die sie stehen. Da äußern sie also ihre Meinung, was sie denken, was also im Sinne ihrer Partei die beste Lösung wäre. Wenn die sich dann anbrüllen, finde ich es lächerlich.“ (Oberstufenzentrum)

„Dass sie so aufschäumen. Dass sie emotional werden und so, dass sie die anderen anschreien. Das ist einfach unprofessionell. Man schreit andere Leute nicht an, um einen Standpunkt zu vertreten. Man erklärt es sachlich und hofft, dass die das verstehen und wenn sie es nicht verstehen, dann kann man sich denken: ‚Ja, ihr seid blöd‘, aber dann kann man sie nicht anschreien.“ (Oberschule)

„Die reden immer nur drum rum und streiten sich da und dann denkt man: ‚Was soll denn das, die benehmen sich wie Kinder da und machen sich da gegenseitig auf der Bühne fertig.'“ (Oberschule)
Die Abbildung 4 zeigt die wesentlichen Aspekte dieses Abschnitts auf.

Abbildung 4: Zusammenfassung „Sprache der Politiker/innen“