Betroffenheit, Interesse und Verantwortung

Selbst bei den anstrengendsten Interviews mit vordergründig politisch desinteressierten und unkonzentrierten Schüler/innen überraschten die Momente, die irgendwann bei jedem Gespräch eintraten: Die Einsicht, dass die eigene politische Bildung notwendig sei, um das bestehende politische System gesund zu erhalten. Das Ausmaß dieses Verantwortungsgefühl war in den Interviews in Gymnasien bzw. gymnasialen Oberstufen stärker zu erkennen als in den Sekundarstufen I oder Berufsschulen – doch es war immer zu erkennen.

Bildungs- und milieuunabhängig existiert offenbar ein Bewusstsein dafür, dass die eigene politische Informiertheit notwendig ist, um z.B. bei Wahlen „die richtige Wahl“ zu treffen oder sich sogar selbst zu engagieren. Dieses potenzielle Interesse ist an den Grad der persönlichen Betroffenheit geknüpft und beides zusammen befördert Verantwortungsbewusstsein.

Mitunter wird Demokratie auch in sehr eigener Form interpretiert. Mit großem Realitätssinn wird jedoch gesehen, dass die Demokratie mit dem aktuellen Grad an eigenem Einsatz an ihre Grenzen gerät. Ob jedoch und in welcher Form Mitbestimmung erwünscht und machbar ist, erscheint den Interviewten fragwürdig und unklar (vgl. auch Kapitel „Sprache in politischen Entscheidungsstrukturen„).

Grad des Interesses an Themen ist von persönlicher Betroffenheit abhängig – die absehbar eher wächst

„Manche Themen betreffen mich noch gar nicht so, deshalb kann ich mir dazu keine Meinung bilden. Aber so was wie Atomkraft und Atommüll betrifft mich ja und die nächsten Generationen auch – also da bildet man sich schon eine Meinung.“ (Oberschule)

„Das interessiert uns wahrscheinlich erst, wenn es uns direkt betrifft. Z. B., was die Schule angeht oder Integrationspolitik bei uns beiden. Wenn es uns direkt angeht, dann hören wir natürlich hin.“ (Berufsschule)

„Ob ich hinhöre, kommt drauf an, was das für ein Thema ist. Z.B. Steuern oder so, da hören wir nicht hin, weil wir noch nicht direkt Steuern zahlen, sondern unsere Eltern. Aber z.B. Terrorismus, da informiert man sich, weil man ja auch versucht, sich selbst zu schützen.“ (Berufsschule)

„Wenn es uns direkt betrifft (…) Und auch, wenn wir irgendwann mal Kinder haben. Dann betrifft es natürlich auch die. Und wenn ich jetzt nichts tue, bis sich was ändert, das dauert ja schon mal ewig.“ (Berufsschule)

„In 30, 40 Jahren oder so will ich meinen Kindern auch noch eine Zukunft bieten, die politisch halt auch tragbar ist.“ (Berufsschule)

Wertschätzung der Politik als Basis für persönliches Verantwortungsgefühl „Ich glaube, dass fast alle Bürger gar nicht zu schätzen wissen, was die Politiker eigentlich alles können. Und im Laufe des Gespräches fällt mir auch auf, wie wichtig die Politik eigentlich ist und wie viel Wissen sie beinhaltet.“ (Berufsschule)

„Obwohl ich mich seit Jahren relativ kontinuierlich mit politischen Themen beschäftige, komme ich jetzt erst langsam an den Punkt, dass ich sage: Ich fühle mich auch betroffen, wenn was passiert. Dass es auch so weit geht, ob ich z. B. in eine Partei eintrete oder nicht. Weil ich auch meine Position in dem Ganzen sehe. Ich merke, dass Politik nicht irgendwo existiert und mein Leben ist hier, sondern dass das zusammengehört. Aber das hat ewig gedauert.“ (Oberstufenzentrum)

Demokratieverständnis zwischen Anarchie und angewandter Fremdbestimmung

„Jeder kann wählen, was er will und das ist halt eine Demokratie.“ (Berufsschule)

„Unter Demokratie verstehe ich Gleichheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, so was. Dass man wählen geht.“ (Berufsschule)

„Wenn ich an Politik denke, denke ich oft an Regierung und an die Macht. Oder halt die Demokratie, die auf uns ausgeübt wird. Politik ist irgendwie immer Information.“ (Gymnasium)

„Dieses Interesse, ist das überhaupt gefordert? Will man dieses Interesse haben? Denn das Wahlverfahren funktioniert weiterhin und Demokratie funktioniert auch mit nur der Hälfte des Staates.“ (Berufsschule)

„Also ich finde gut, dass wir mitbestimmen können, ob uns was gefällt oder nicht. Und dass wir auch einschreiten können und sogar manche Sachen verhindern können. Z.B. Stuttgart 21, dass sich da so eine Masse gebildet hat, die einfach dagegen ist. Was vielleicht im Endeffekt nichts bringt. Vielleicht zählt einfach der Wille. Einfach diese Mitbestimmung, diese Demokratie.“ (Berufsschule)

„Der Trend läuft ja so, dass der Bürger gläsern sein soll, weil jeder ein ‚Terrorist‘ sein könnte. Damit wird einfach die Freiheit der Menschen beschnitten, sage ich mal. Die Menschen in der Demokratie sollten ja so frei sein, selber zu entscheiden, was sie machen.“ (Berufsschule)

Die Abbildung 2 fasst die wesentlichen Einflussgrößen des Abschnitts „Unter welchen Bedingungen nehmen Jugendliche Politik wahr?“ zusammen.

Abbildung 2: Zusammenfassung „Unter welchen Bedingungen nehmen Jugendliche Politik wahr?“