Einführung

Die Teilhabe junger Bürger/innen am offiziellen politischen Geschehen nimmt ab.(1) Der Rückgang ist an der seit Jahren sinkenden Wahlbeteiligung sowie an den Nachwuchsproblemen der Parteien zu beobachten. Dadurch verliert die demokratische Basis unseres Staates langfristig an Stabilität.

Auf der Suche nach Erklärungen und Lösungen erscheint ein Blick auf die politische Kommunikation und insbesondere die Sprache der politischen Akteurinnen und Akteure sinnvoll – und zwar aus der Perspektive der Jugendlichen selbst. Die Grundannahme der Studie war, dass die Art, wie Politiker/innen sprechen – sowohl in Bezug auf die Redehaltung als auch in Bezug auf die Wahl der Worte – nicht ohne Auswirkungen auf den Zugang von jungen Menschen zu Politik bleibt.

Zum Einsatz kam die sozialwissenschaftliche Methode der „Grounded Theory“. Sie nutzt eine bewusst offene, lösungsorientierte Fragestellung und den steten Vergleich der Zwischenergebnisse im Verlauf der Studie, um die Wahrnehmung der Befragten in ein theoretisches Modell zu überführen. Dieses Modell entstand auf Basis von 27 Gruppeninterviews an Berliner Schulen, die zwischen einer und anderthalb Stunden dauerten. Verschriftlicht umfassen diese Interviews 658 Seiten.

Im Anschluss wurde das theoretische Modell in wesentlichen Punkten durch einen bundesweiten Online-Fragebogen quantifiziert. Dieser wurde – angeregt durch die Online-Plattform schülerVZ – von 30.122 jungen Bürger/innen beantwortet. Somit ist die vorliegende Studie umfassend qualitativ fundiert und zudem quantitativ die umfassendste, die aktuell zum Thema Jugend und Politik in Deutschland vorliegt.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Sprache der politischen Akteure großen Einfluss auf das Interesse der Jugendlichen und ihre Bereitschaft hat, sich zu informieren. Wie in der (und über die) Politik gesprochen wird, wirkt sich auf den Zustand unserer Demokratie aus. Die vorliegende Studie zeigt, dass es bei den Jugendlichen eine Grundbereitschaft zum Mitdenken und Mitmachen gibt. Doch die Art, wie Politik dargestellt und verhandelt wird, bewirkt in vielen Fällen Überforderung und Abwendung von der Politik bei gleichzeitigem Bewusstsein, dass es auf den eigenen Beitrag ankommt, um die Demokratie gesund zu erhalten. Das ist das Dilemma, in dem sich die Jugendlichen befinden: Das Gefühl, in der Demokratie gebraucht zu werden, aber nicht die Möglichkeiten zu haben, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Die Befragten selbst weisen auf einen Mangel an Übung in der politischen Auseinandersetzung und an politischer Bildung hin, betonen jedoch vor allem die Kontraproduktivität der Kommunikation von Politiker/innen und kritisieren die oft unverständliche, mit Fremdworten oder Kunstworten sowie Beschönigungen durchsetzte Sprache, die zudem von den Medien vielfach nicht ausreichend „übersetzt“ wird.

Vielen Jugendlichen geht es wie dem Schüler (oder der Schülerin), der/die zu Protokoll gibt: „Politik ist einfach nur ein schwarzes leeres Kästchen. Und dann kommt gar nichts mehr.“ Anderen erscheint der Politikbetrieb als ein geschlossener Verein mit eigenen, undurchschaubaren und unabänderlichen Spielregeln und Ritualen, so äußert eine Schülerin/ein Schüler den Eindruck: „Ich habe das Gefühl, man sitzt in so einem riesigen komplexen Teil, das es schon ewig gibt, wo etliche Leute seit Ewigkeiten alles Mögliche sagen.“ Der Versuch, sich politischen Fragen zu nähern, wird als Hürdenlauf wahrgenommen; berichtet wird vom permanenten Scheitern beim Versuch, in die Tiefe politischer Fragen einzudringen und sich eine Meinung zu bilden.

Auf der Ebene der Handlungsempfehlungen enthält die Studie drei Hauptbotschaften.

Die erste Botschaft geht an die Politiker/innen. Sie lautet, sinngemäß: Redet so, dass wir euch verstehen. Legt das Manuskript beiseite und sprecht in eurer Alltagssprache, direkt, offen und unkompliziert. Ein Appell an alte rhetorische Tugenden zur Rettung der Debattenkultur und ein Appell an die Politiker/innen, die freie Rede zu wagen und sich nicht mehr hinter dem anonymen „WIR“ eines Parteiapparates und hinter sorgfältig vorformulierten Zeilen zu verstecken.

Die zweite Botschaft geht an die Medien. Sie lautet sinngemäß: Übernehmt nicht die Floskeln der Politiker/innen, sondern helft uns, zu verstehen, was dahinter steckt. Auch in der Medienkritik der Schüler/innen ist ein Appell an eine andere Debattenkultur enthalten: Abgelehnt werden die ritualisierten Showkämpfe in den Talkshows, der (inszenierte) Streit. Streit und Aggressivität sind genau das Gegenteil von dem, was die jungen Menschen wollen. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach sachlicher Auseinandersetzung und erkennen häufig, dass inszenierte Streitlust Debatten fruchtlos werden lässt.

Die dritte Botschaft der Schüler/innen geht an die Bildungspolitik. Sie lautet: Wir wollen mehr Politikunterricht, wir wollen ihn früher, neutraler und praxisnaher. Der Appell lautet: Gebt der heranwachsenden politischen Generation die Möglichkeit, mündige Staatsbürger/innen zu werden. Hier wird das Bild von der Schule als „Schule der Demokratie“ aufgerufen.

Hinweise zur Benutzung

Generell wird in dieser Publikation eine Frauen und Männer gleichermaßen berücksichtigende Form benutzt, z. B. Politiker/innen. Die in den Interviews gewählten männlichen oder weiblichen Formen bleiben jedoch so erhalten, wie sie gesprochen wurden.

Wissenschaftliche Publikationen starten üblicherweise mit der Erläuterung der Methode, um dann zu den Ergebnissen zu kommen. Entsprechend den Ergebnissen unserer Gruppeninterviews und der nachgelagerten Onlineumfrage wird es von den 16- bis 19-Jährigen jedoch nicht geschätzt, sich von vorne bis hinten durch einen Text durcharbeiten zu müssen. Die Darstellung der Ergebnisse orientiert sich an den Bedürfnissen der jungen Generation: Die Studie hat gezeigt, dass die Jugendlichen es bevorzugen, sich zunächst anhand von Überschriften zu orientieren und dann sukzessive weiter in das Thema einzusteigen, unterstützt von Hintergründen, Verweisen und Grafiken. Die Publikation versucht mit ihrem Aufbau, diesen Wünschen gerecht zu werden.

Die Zitate aus den Gruppeninterviews wurden anonymisiert, jedoch zur besseren Einordnung mit der Bezeichnung des Schultyps versehen. Hierbei wurde die Bezeichnung genutzt, die die Schule zur Selbstdarstellung verwendet.

Ebenfalls anonymisiert wurden die in den Interviews erwähnten Politiker/innen-Namen. Ziel dieser Studie ist es, durch Sprache begründete oder beförderte Strukturen des gegenwärtigen Systems zu verdeutlichen. Das Ziel ist es hingegen nicht, persönliche Sprachkritik zu üben oder einzelne Akteur/innen zu loben.

Das ausführliche Zahlenmaterial des quantitativen Teils der Studie findet sich im Anhang.

  1. (1) Die Wahlbeteiligung junger Bürger/innen weist in den letzten 20 Jahren eine stark rückläufige Tendenz auf. Waren es 1984 noch 84,3 % der 18- bis 21-Jährigen, die sich an Wahlen beteiligten, sank dieser Wert in den Folgejahren bis 2009 auf 63 % ab. In der Altersgruppe der 21- bis 25-Jährigen sank dieser Wert im gleichen Zeitraum von 81,5 % auf 59,1 %. (Quelle: Vgl. Statistik Bundeswahlleiter; „Wahlbeteiligung nach Geschlecht und Altersgruppen seit 1983“ http://www.bundeswahlleiter.de/…/ueb1_06.xls, zuletzt geprüft am 11.02.2011). In der Gruppe der 15- bis 25-Jährigen genießen Politiker/innen und politische Institutionen nur ein geringes Vertrauen. (Quelle: Brauer, Janette; Die Qual der Wahl. In: Kuhn, Hans-Peter; Weiss, Karin; Oswald, Hans (Hg.), 2001: Jugendliche Wähler in den neuen Bundesländern. Eine Längsschnittstudie zum Verhalten von Erstwählern bei der Bundestagswahl 1998. Opladen, zitiert nach: http://www.bpb.de/…,Erstwähler_in_den_neuen_Bundesländern.html, Abruf am 15. März 2011)